Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Jesus hat viele Menschen begeistert; viele sind ihm gefolgt und mit einigen war er eng befreundet. Zum Beispiel mit den ungleichen Schwestern Maria und Martha. Maria ist eher zurückhaltend. Martha hingegen krempelt direkt die Ärmel hoch, wenn es was zu tun gibt. Und sie scheut sich auch nicht, Jesus die Meinung zu sagen, wenn sie etwas auf dem Herzen hat.
So ist es auch an jenem Tag: Als Jesus zu Besuch kommt, zusammen mit ein paar Freunden. Martha - die perfekte Gastgeberin - macht sich direkt ans Werk, um alle zu versorgen: Sie kocht, sie rennt, gießt ein, tischt auf, räumt ab… Und was macht ihre Schwester Maria derweil? Setzt sich Jesus zu Füßen und hört ihm zu. Ganz die andächtige Schülerin mit ihrem Meister.
Als Martha das sieht, kocht sie vor Wut. Sie baut sich vor Jesus auf und sagt:
„Ist es dir eigentlich egal, dass die ganze Arbeit allein an mir hängt?
Sag meiner Schwester, dass sie mir gefälligst helfen soll!“
So weit, so nachvollziehbar. Aber jetzt kommt der Knaller, denn jetzt gießt Jesus auch noch Öl ins Feuer. Er sagt: „Martha, Martha, du macht dir viel Arbeit und Mühe. Aber nur eines ist wichtig…“
So jedenfalls habe ich seine Antwort mein Leben lang gehört:
Nämlich im Tonfall eines leicht genervten Patriarchen, der nicht mit so banalen Dingen wie Küchenabläufen und Zickenkrieg behelligt werden will.
„Martha, Martha…“
Aber was, wenn Jesus das in einem ganz anderen Ton gesagt hat? Vielleicht hat er sie ja nur bei ihren Namen gerufen: „Martha! Martha!“ Damit sie wieder runter kommt von ihrem Zorn. Und dann ergibt auch das, was er danach sagt, einen ganz anderen Sinn. Und das übersetze ich mal so:
„Martha, ich sehe, dass du dir viel Arbeit und Mühe machst. Aber gerade jetzt ist Zuhören alles was zählt. Maria hat das erkannt; lass ihr das. Und von dir erwartet niemand, dass du uns bedienst. Setz dich her. Und wenn wir hungrig werden, fassen alle mit an.“
Ja, und in diesem Ton - da hätte er auch mich erreicht.
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