Begegnungen

Anne Waßmann-Böhm trifft Susanne Schmuck-Schätzel, Dekanin des Dekanats Alzey-Wöllstein
Mitten in der Nikolaikirche im rheinhessischen Alzey schwebt unser Planet: die Erde. Sechs Meter groß und sanft von innen leuchtend, rotiert sie langsam um die eigene Achse. Um sie herum sind im Kirchenraum immer wieder Geräusche zu hören wie im Kontrollzentrum einer Raumstation. Ein Soundtrack gehört nämlich auch dazu. „Gaia“ heißt die Kunstinstallation des britischen Künstlers Luke Jerram. Hier in der Nikolaikirche treffe ich Susanne Schmuck-Schätzel, Dekanin des Dekanats Alzey-Wöllstein. Sie hat Gaia nach Alzey geholt und für sie schließt sich damit ein Kreis. Aber erst einmal staunt sie selbst darüber:
Gigantisch, viel größer, als ich es mir vorgestellt habe. Und auch so das Gefühl, das füllt die Kirche aus. Also Kirche und Welt und Welt und Kirche, das ist ein Berufsleben lang mein Thema gewesen und jetzt ist es so. Also da ist die Welt in die Kirche gekommen und die Kirche ist in der Welt.
Gaia reist schon seit acht Jahren um die Erde, von England über Asien, Australien, jetzt nach Rheinhessen. Die Idee, Gaia nach Alzey zu holen, hat Susanne Schmuck-Schätzel von Kollegen.
Kollegen waren in St. Blasien in Urlaub und kamen begeistert zurück und haben gesagt, das möchten wir so gerne haben. Dann habe ich auf der Homepage nachgeguckt und habe gedacht, ja, das gehört in die Nikolaikirche in Alzey. Vor allem wegen der Christuskugel, des Christussymbols.
In der Alzeyer Nikolaikirche hängt nämlich nirgendwo ein Kreuz, wie man es von anderen Kirchen kennt. Stattdessen liegt im Chorraum eine eindrucksvolle Steinkugel auf dem Boden. Durchzogen ist sie von Hohlräumen – als Symbol für Jesus Christus, seinen Tod und seine Auferstehung aus dem Felsengrab.
Diese Christuskugel, die halt auch die fünf Wundmale von Christus, zeigt, als etwas, was auch Leben gebrochen sein lässt oder was auch an Narben und an Fehlern im Leben kommt. Und dann davor jetzt diese riesige Gaia, die auch einfach das Symbol dessen ist, dass das unsere aller Lebensgrundlage ist.
Die Besucher können hier in der Kirche etwas erleben, was Astronauten den „Overview-Effekt“ nennen, das Gefühl, wenn sie die Erde das erste Mal aus dem Weltraum sehen. Und dieser Blick kann den Besuchern einen großen Mehrwert bringen, erklärt Susanne Schmuck Schätzel:
Zum einen die Schönheit, das ist ja was ganz Schönes. Die Farben, also dieses viele Blau, das Weiß der Wolken, aber auch das Braun der Erdteile. Das andere, diese Vollkommenheit. Also für mich ist auch diese Kugel etwas wirklich Vollkommenes. Aber auch der Blick von außen. Wir sind so klein und sieht man nicht auf der Erde. Und trotzdem haben wir ja eine gewisse Verantwortung, weil, wir stehen auf dieser Erde und gucken jetzt auf diese Gaia und denken, na ja, was tun wir auch mit dieser Erde?
Die Bewahrung der Schöpfung als Aufgabe der Kirche sichtbar zu machen – auch deshalb hat sich die Dekanin für das Projekt stark gemacht. Noch bis zum 3. Juni wird Gaia in der Nikolaikirche hängen. Und auch eine Veranstaltungsreihe rund um das Kunstprojekt könnte den einen oder anderen Besucher zum Nachdenken bringen:
Wir haben zum Beispiel den ehemaligen Chef der ESA in Darmstadt gewinnen können, der wird einen Vortrag halten. Wir haben eine Tanz-Performance. Wir haben verschiedene Lesungen, auch zum Thema, wie leben Menschen auf dieser Erde. Es ist uns auch wichtig, dass es auch solche Zeiten gibt, also Zeiten, in denen unter der Kugel ganz viel Leben passiert, aber auch Zeiten, in denen Ruhe ist.
Gaia bewegt die Menschen. Das erlebt Susanne Schmuck-Schätzel seitdem sie für die Ausstellung wirbt. Und genau das ist der eigentliche Auftrag von Kirche, findet sie:
Es ist so schön, wie Menschen da mitgehen. Also ich habe Anrufe: ‚Ich war in Dresden, ich habe gesehen, dass das hierherkommt.‘ Ich finde das wunderschön, dass sie das nach Alzey bringen. Und in einer Zeit, in der ja vieles auch schwer ist und auch schwer wiegt bei den Menschen, ist das wirklich schön. Und es ist etwas ganz Wichtiges, dass wir als Kirche, als diejenigen, die Kirche vertreten, Menschen zeigen: Da ist mehr. Da ist Inhalt. Und da ist das Thema: Was geschieht in dieser Welt? Wie leben wir auf dieser Welt miteinander? Wie gehen Menschen miteinander um auf dieser Welt? Unglaublich wichtig.
Welt und Kirche. Kirche und Welt. Für Susanne Schmuck-Schätzel gehört beides zusammen. Und vielleicht macht genau das diesen Blick auf Gaia so besonders. Denn dieser Blick führt vom Staunen über die Schönheit zur Verantwortung für die Schöpfung. Für alles, was Gott so gut geschaffen und uns zum Leben geschenkt hat:
„Gott sah es an und es war gut.“ Und wir haben ein Stück Verantwortung, jeder und jede Einzelne, dass das auch so bleibt. Wir alle wissen, wie gefährdet die Erde ist und es ist schön zu sehen, wie diese Welt sein kann und dass wir dazu beitragen müssen, dass es so bleibt.
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