SWR4 Sonntagsgedanken
„Das kalte Herz“ – ich weiß noch genau, wie unheimlich mir dieses Märchen als Kind gewesen ist. Wenn die Stimme von der Märchenschallplatte erzählt hat, wie der arme Kohlenmunk-Peter sein warmes, lebendiges Herz hergibt und sich dafür von einem bösen Waldgeist einen Stein in die Brust setzten lässt: das hat bei mir richtig Beklemmungen ausgelöst – und tut es bis heute: Ein warmes, lebendiges Herz gegen einen kalten Stein – und – gegen Geld, viel Geld, Erfolg und Ansehen. Manchmal denke ich, bei mir hat sich das so festgesetzt, dass ich bis heute ein gewisses Misstrauen habe gegen Leute, die wirklich erfolgreich sind. Und klar: um erfolgreich zu sein, muss man ja auch wirklich zielstrebig sein und seine Gefühle unter Kontrolle haben – um ganz nüchtern Entscheidungen zu treffen, manchmal sicher auch harte. Aber hat man deshalb gleich ein hartes Herz, kalt wie Stein?
Außer Beklemmung löst die Vorstellung inzwischen aber auch Neid bei mir aus. Neid. Ja wirklich. Ich bin ein bisschen neidisch, wenn ich sehe, wie manche Menschen eher ihr Leben unter Kontrolle haben und eher kühl und rational über ihr Leben entscheiden. Wie viele andere auch möchte ich glauben, dass man das lernen kann. Und lese deshalb im Netz oder irgendwelchen Zeitschriften Ratschläge wie: „So bleiben Sie zuversichtlich.“ Oder „So treten sie souverän vor ihren Kollegen auf.“ Oder „Mit dieser Ernährung werden sie garantiert 100 Jahre alt“ und „Mit dieser Geldanlage starten Sie sorgenlos in die Rente“.
Kontrolle – Rezepte gegen zu viel planlose Spontanität – quasi als eine Art Schutzhülle für mein lebendiges, weiches Herz und meine Seele. Weil ich sonst in den vielen Herausforderungen und Fragen unserer Zeit untergehen könnte.
Aber – kann das gehen? Ein Leben nach Rezept und Anleitung? Um cool die Kontrolle zu behalten? Ist das nicht doch auch gefährlich und könnte aus der Schutzhülle rund um mein Herz am Ende ein Panzer werden? Mein Herz hart werden – und am Ende tatsächlich kalt?
Wenn es mir zuviel wird – besonders abends, wenn ich alleine bin und ins Grübeln komme, kann mir das tatsächlich passieren: Dass ich finster werde, pessimistisch und auch meine Mitmenschen anfange, nach Schema F zu beurteilen. Als ich das gemerkt habe, ist mir auch das Märchen vom „Kalten Herz“ wieder eingefallen. Ich habe es – nach so vielen Jahre – noch einmal nachgelesen.
Tatsächlich tauscht der Kohlenmunk-Peter sein Herz nicht einfach nur gegen Geld ein. Er gibt es auch her, weil ihm seine Gefühle zu viel werden. Er kann mit dem Stein in der Brust zwar nicht mehr lieben – er muss aber auch nicht mehr leiden, traurig sein oder mit anderen mitfühlen. Er ist also nicht einfach nur gierig nach Geld. Sondern er möchte einfach auch etwas Ordung und etwas Orientierung für sein Leben. Weil das Leben nun mal kompliziert ist.
Ich kann das so gut nachvollziehen, wie wahrscheinlich die meisten Menschen. Wie schon in früheren Zeiten und auch zu biblischen Zeiten, als der Prophet Jeremia gelebt hat. Das Leben damals war extrem unübersichtlich. Die Menschen haben versucht, cool zu bleiben und sich an Gottes Geboten und Regeln zu orientieren.
Ich stelle mir vor, dass sie dabei aber auch langsam hart geworden sind. Ihr lebendiges Herz und ihre Seele eingeschlossen haben und sich am Ende hinter Gottes Geboten nur noch versteckt haben. Sie mechanisch befolgt haben.
Aber so ist Gottes Bund mit seinem Volk nie gedacht gewesen. Gott wollte mit seinen Geboten das Herz der Menschen ja erreichen. Stattdessen schotten sie sich jetzt damit ab.
Im Jeremia-Buch wird erzählt, dass Gott deshalb einen Neustart unternimmt. Er schließt einen neuen Bund mit seinem Volk und verspricht: „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und ich will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein.“ (Jeremia 31, 33b)
Gottes Regeln sollen ein Teil werden vom lebendigen und warmen Herzen der Menschen. Sie können aufhören, krampfhaft alles kontrollieren zu wollen und dürfen wieder weich werden. Und obwohl da Risiko bleibt, verletzt zu werden, lohnt es sich. Ist Gott mit dabei – ins Herz geschrieben.
Loslassen, wieder weich werden – mit weniger Kontrolle und angelernten Lebensregeln – aber dafür mit dem Vertrauen, dass ich mich von Gottes Regeln leiten lassen kann. Das gelingt mir hoffentlich wieder aufs neue.
Im Märchen, übrigens, da bekommt der Kohlenmunk-Peter sein lebendiges, weiches Herz zurück. Durch die Liebe seiner Frau. Und ab da meistern sie gemeinsam die Herausforderungen des Lebens.
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