SWR4 Abendgedanken
Goethes Faust hat unglaubliche 4612 Verse! Jeden einzelnen dieser Verse druckt der Künstler Philip Görres Buchstabe für Buchstabe auf ungefähr handgroße Tonplatten. Er nimmt kleine Stempel dafür und so entsteht jeden Tag eine neue Platte mit etwa zehn Versen. Die werden dann getrocknet und später im Ofen gebrannt. Etwas mehr als die Hälfte vom Faust hat Philip Görres auf diese Weise schon gedruckt. Über tausend Stunden wird er vermutlich in das Projekt investieren. Er wünscht sich, dass am Ende alle 700 Platten in einer Stadt zu einem Faustplatz verlegt werden. Das soll ein Ort der Begegnung sein. Ein Platz, wo man Literatur nochmal neu wahrnimmt.
Als Künstler schafft Philip Görres da etwas Bleibendes. Ein großes Werk. Und während ich das Projekt im Internet verfolge, frage ich mich: Was bleibt von dem, was ich tue, eigentlich? Nun bin ich mit Anfang 40 vermutlich früh dran, wenn ich über so etwas wie mein Vermächtnis nachdenke. Wahrscheinlich werde ich, so wie die allermeisten Menschen, keine großen sichtbaren Werke schaffen. Aber ich glaube und hoffe, dass vieles von dem, was ich mit meinem Tun bewirke, auch bleibenden Wert hat. Zum Beispiel ist der Mann unserer betagten Nachbarin gestorben. Da war in den letzten Wochen immer wieder Hilfe beim Einkaufen angesagt oder einfach zuzuhören.
Das sind lauter kleine Werke. Und ich glaube, das passt gut zu dem, was Jesus mit Nächstenliebe gemeint hat. Der hat auch keine Bilder gemalt oder Bücher geschrieben. Sondern er hat sich Zeit genommen und ist Menschen unvoreingenommen begegnet. Und mit dem, wie er gesprochen und gehandelt hat, hat er die Welt verändert. Ich glaube, dass es auf diese vielen einzelnen Momente und Schritte ankommt. Dass das, was ich Liebevolles oder Hoffnungsstarkes bewirke, für die Menschen um mich herum in dem Moment ganz konkret wichtig und wertvoll ist.
Natürlich gelingt mir das nicht immer. An manchen Tagen bin ich zu müde oder zu faul, anderen zu helfen. Aber ich glaube fest, dass auch simple Taten viel bewirken können, und das hilft mir, dass ich es immer wieder versuche. Und wie schön, dass neben mir jeden Tag Millionen von Menschen auch gute kleine Werke vollbringen.
Trotzdem faszinieren mich Künstlerinnen und Künstler wie Philip Görres, die an ganz großen Werken arbeiten. Sie sind so kreativ und inspirierend! Und so wie beim Faust-Projekt Buchstabe für Buchstabe was Neues entsteht, zählt jeder Versuch, jeder Mini-Schritt und jede gute Idee, mit der Menschen unsere Welt zum Besseren verändern.
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