SWR4 Abendgedanken
Die 10. Klässler aus meiner Reli-Klasse schauen sich ein Video aus dem Internet an: Eine junge Frau geht zehn Stunden lang durch New York und wird dabei mit versteckter Kamera gefilmt. Was sie erlebt, ist erschreckend: Unzählige Male wird ihr hinterhergepfiffen. Es gibt heftige Kommentare über ihr Äußeres oder Fragen nach ihrer Telefonnummer. Über hundert Mal sprechen sie fremde Männer an und belästigen sie.
Wir sprechen in der Klasse darüber. Emma bemerkt: „Die war doch ganz normal angezogen. Schwarzes Oberteil ohne Ausschnitt und eine Jeans. Und sie ist einfach nur die Straße langgelaufen. Sie hat überhaupt nicht gezeigt, dass sie jemanden kennenlernen will.“ Julia fällt auf: „Zwei Typen sind einfach ein paar Minuten lang neben ihr hergelaufen. Die haben sie richtig verfolgt. Wie gruselig!“
Dann frage ich als Religionslehrer: „Hat jemand von euch schon ähnliche Erfahrungen gemacht?“. Alle Schülerinnen können von mindestens einer Begebenheit erzählen. Alle kennen sexistische Bemerkungen oder Nachrichten und viele haben ein ungutes Gefühl, abends allein nach Hause zu gehen. Eine Schülerin erzählt sogar, wie sie zusammen mit ihrer Mutter massiv sexuell belästigt wurde. Sie haben laut gerufen und konnten sich Gott sei Dank aus der Situation retten.
Die Jungs in der Klasse sind sonst um keinen blöden Spruch verlegen, aber jetzt werden sie immer ruhiger. Sie sind überrascht, manche sind auch erschrocken.
Natürlich sprechen wir auch darüber, dass nicht alle Männer so sind. Aber es sind eben in den aller, allermeisten Fällen Männer. Und dann sind zwei meiner Schüler besonders mutig. Sie geben zu, dass sie selbst schon sexistisch gehandelt haben oder zumindest jemanden kennen. Wir sind uns in der Klasse einig, dass diese Form von Gewalt gegenüber Mädchen und Frauen alltäglich ist. Und dass sie aufhören muss.
Und was kann man selbst tun? Ich kann mich zum Beispiel direkt einmischen, wenn jemand herabgewürdigt wird. In meiner Kirchengemeinde arbeite ich immer wieder mit jungen Leuten. Zusammen mit den älteren Jugendlichen schaue ich drauf, dass sie mit ihrem Verhalten ein Vorbild für die Jüngeren sein können. Und wie wichtig es ist, einen guten Umgangston miteinander zu haben. Das trägt alles dazu bei, dass möglichst alle eine gute Zeit miteinander haben.
Das Fazit am Ende der Reli-Stunde ist: Es werden weniger Menschen bedrängt und belästigt, wenn mehr Menschen mutig sind. Ich sehe diesen aufkeimenden Mut in den Augen meiner Schülerinnen und Schüler und das lässt mich hoffen.
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