Begegnungen

14MAI2026
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Winfried_Kretschmann Copyright: Staatsministerium Baden-Württemberg/Dennis Williamson

Heute mit Manuela Pfann und mit Winfried Kretschmann, dem nun ehemaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg. Wir haben am Rand einer Tagung miteinander gesprochen. Deshalb ist es zu Beginn unseres Gesprächs noch ein wenig unruhig. Auf dieser Tagung ging es um die Zukunft der Kirche. Von Winfried Kretschmann weiß man, dass er aktiver Christ und Katholik ist – und immer auch einen kritischen Blick auf die Kirche hat.

Die Frage nach der Zukunft der Kirche ist ein passendes Thema für den heutigen Feiertag, Christi Himmelfahrt. Denn kurz zusammengefasst ist vor über 2000 Jahren folgendes geschehen: Himmelfahrt ist den biblischen Erzählungen nach jener Moment, an dem Jesus die irdische Welt verlässt und seine Nachfolger aussendet. Sie sollen fortsetzen, was er begonnen hat. Sie sollen als Christen so leben, dass es in der Welt, in der Gesellschaft sichtbar wird.

In der Kirche, die dann nach und nach entstanden ist, da ist sicher nicht immer alles gut gelaufen.
Ich frage Winfried Kretschmann: Wie müsste denn für ihn eine Kirche aussehen, in der er gerne Christ wäre.

Ich meine, ich bin ja Mitglied der Kirche. Ich war ja ausgetreten, bin wieder eingetreten. Da muss man schon wissen, was man tut. Und ich bin gern in der Kirche, auch so, wie sie ist. Natürlich muss sie sich auch immer wieder ändern und gucken, dass sie zeitgenössisch bleibt. Also im Kern wünsche ich mir eine Kirche, die streitet. Ja, die streitet um den rechten Glauben, die streitet, wie man diesen Glauben in die Gesellschaft übersetzt.

Und streiten heißt für Winfried Kretschmann keinesfalls zerstreiten oder im Streit auseinander gehen, sondern im Gegenteil:

Dialog, Dinge durchsprechen. Und das ist der Wunsch für die Gesellschaft wie für die Kirche. Da unterscheiden sich beide nicht. In der Gesellschaft müssen wir mal durchsprechen: Was bedeutet unsere Verfassung, was ist daran wichtig, was ist unaufgebbar? Und das muss die Kirche mit ihrem Evangelium genauso machen. Was ist unaufgebbar? Was muss ich ändern? Was muss ich anpassen? Was muss eine andere Gestalt annehmen?

Für den Katholik aus Sigmaringen ist die Kirche, so wie sie ist, schon in Ordnung, sagt er. Im Grundsatz hadert er nicht, aber mit einzelnen Fragen natürlich schon, zum Beispiel:

Dass sie Frauen von Ämtern ausschließt. Das wird sie niemals durchhalten können in der Zukunft. Das halte ich für völlig ausgeschlossen.

Aber an dem Punkt möchte er sich nicht mehr abarbeiten. Da hat er jahrelang öffentlich seine Meinung geteilt. Winfried Kretschmann ordnet alles in einen größeren Zusammenhang ein. Nicht nur Glauben und Kirche, auch die Politik. Und da kann ich zwischen den Zeilen ganz deutlich seine Haltung hören. Es geht darum, dankbar und demütig zu sein für das, was ist.

Die Demokratie ist eben nicht selbstverständlich. Friede ist nicht selbstverständlich. Freiheit ist nicht selbstverständlich. Das dachten wir aber jetzt jahrzehntelang. Und erst in der Krise merken wir das. Und so ist es natürlich mit dem Glauben auch. Der ist eine große Ressource der Sinnstiftung, hat sich niedergeschlagen, in vielem.  Denken Sie nur, dass die Person im Mittelpunkt von Rechten steht. Das ist einfach ein großes Erbe des Christentums. Und das kann schnell wieder verloren gehen, wenn Diktatoren kommen, dann giltst du als Einzelner mal nichts.

Ich bin Manuela Pfann und spreche mit Winfried Kretschmann, dem ehemaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg. Der Glaube ist für ihn essentiell, wenn es darum geht, eine Gesellschaft zu gestalten. Er hofft, dass die Menschen das erkennen. Gerade jetzt, in Zeiten, in denen der Glaube in einer Krise steckt.

Der Glaube ist nicht nur irgendwie was für irgendwelche Sonntagsreden. Der hat was mit der Wirklichkeit zu tun und daraus wird dann Dankbarkeit entstehen. So wie wir heute merken, wie dankbar wir für Freiheit und Demokratie sein müssen. So dankbar dürfen wir auch dafür sein, dass Jesus in Christus Mensch geworden ist. Das ist einfach ein grandioses Ereignis der Geschichte. Mir begegnet da etwas außerhalb meiner eigenen Wirklichkeit.

Ja, das ist richtig. Und ich merke, dass ich diesen Anfang manchmal selbst beiseiteschiebe, vor lauter Kritik, natürlich auch berechtigter Kritik an der Institution Kirche. Für Winfried Kretschmann gibt es über die Bedeutung von Glaube und Kirche gar keinen Zweifel. Weil die Kirche für ihn gefühlt immer da ist:

Da wirst du getauft bis zur Beerdigung. Die Kirche begleitet dich dein Leben lang. Ich meine, wer macht das bitte schon sonst? Also, das muss man einmal sehen. Das ist eine gewaltige Ressource, die wir da in der Kirche haben. Und die kommen auch dann, wenn andere einen Bogen um dich machen. Ja, also, wenn du krank bist, wenn du behindert bist, wenn du irgendwie aus dem Rahmen fällst, wenn du arm bist. Da kümmern sie sich wirklich darum. Das ist eine unglaubliche Ressource.

Was dann fehlt, würde man erst merken, wenn die Kirche nicht mehr da ist, meint Kretschmann. Und das macht ihm tatsächlich Sorgen.

Wenn sie verschwindet, kommt sie so schnell nicht wieder. Insofern müssen wir schon auch darum kämpfen, dass die Kirchen stark bleiben. Sie können klein sein. Deswegen kann man trotzdem stark sein, wirkmächtig und einfach relevant.

Meine Frage, ob er ganz sicher nicht nochmals aus der Kirche austreten wird, kann ich kaum bis zu Ende aussprechen.

Nein, nein, ganz sicher nicht.

Am Ende seines Vortrags auf der Tagung macht der ehemalige Ministerpräsident den Christen im Land Mut; und zwar mit einem klaren Auftrag:

Nehmen Sie sich wichtig! Ich meine persönlich sollte man sich natürlich als Christ nicht zu wichtig nehmen, aber als Christ sich wichtig zu nehmen, das ist entscheidend und das braucht die Gesellschaft.

Ja, wenn Kirche überhaupt eine Zukunft haben will, dann gilt es den christlichen Auftrag ernst nehmen. Das heißt für Winfried Kretschmann und auch für mich – sowohl hier im Südwesten wie auch weltweit – wahrnehmen, was Menschen brauchen.

Wir sind Weltkirche und wir sind für die Welt da und wir sind für die ganze Welt da!

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44412
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