SWR4 Abendgedanken

13MAI2026
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Das war schon immer so! Diesen Satz habe ich als junge Pfarrerin gehasst, besonders wenn er in einer Sitzung fiel. Nicht, weil ich alles anders machen wollte. Sondern weil dieser Satz jede Diskussion erstickt hat. Ich war neugierig. Ich wollte verstehen, woher bestimmte Traditionen in der Kirche kommen und warum sie für manche so unverrückbar waren. Das war schon immer so! Ein Satz wie ein Deckel auf neue Ideen, auf Zweifel, auf ehrliches Verstehen Wollen.

Heute höre ich diesen Satz mit anderen Ohren. Ich höre darin auch Angst. Die Angst, etwas zu verlieren, was man liebgewonnen hat. Die Angst, dass Erfahrungen entwertet werden. Und ja, natürlich gilt das auch für mich. Ich bin ein ganzes Stück älter geworden, habe Neues auf den Weg gebracht, von dem man heute sagt „Das war schon immer so!“ Und ich weiß: Nein, das war es nicht.

Meine Tochter ist jung. Sie hat Ideen. Sie stellt Fragen, wo ich längst meine, Antworten zu haben. „Mama, hör mir doch erst einmal zu!“ Sie denkt weiter, wo ich vorsichtig geworden bin. Und manchmal merke ich, wie schnell mir selbst der Satz über die Lippen kommen will, den ich früher nicht ertragen habe. Das war schon immer so!  

Meine Tochter sagt zum Beispiel, dass man, bevor man etwas entscheidet, erst einmal wirklich zuhören soll – auch denen, die anders denken. Das fordert mich heraus. Nicht, weil ich es grundsätzlich anders sehe, sondern weil ich spüre, wie schnell Erfahrung zur Grenze werden kann und Vorsicht zum Bremsklotz.

Vielleicht liegt die Herausforderung nicht darin, ob die Jungen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, sondern, ob wir Älteren bereit sind, ihnen den nötigen Raum zu geben. Nicht, weil es uns egal ist, sondern, weil wir ihnen vertrauen. Nicht, weil wir keine Ideen mehr haben, sondern weil wir neugierig sind auf ihre Visionen und Vorstellungen.

In der Bibel heißt: „Eure Söhne und Töchter werden prophezeien, eure Alten werden Träume haben“ (Joel 3,1) Beides gehört für mich zusammen, die Prophezeiungen der Jugend und die Träum der Alten. Doch Prophezeiungen brauchen Raum, und Träume dürfen nicht zu Mauern werden. Vielleicht beginnt Loslassen genau hier: Wo wir den Satz Das war schon immer so! nicht mehr als Abwehr benutzen, sondern als Einladung, über alle Generationen hinweg gemeinsam weiterzudenken und zu träumen.

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