SWR4 Abendgedanken

12MAI2026
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Unser Sohn studiert in Karlsruhe. Das ist von uns ein ganz schönes Stück weg. Mit dem Zug braucht er rund drei Stunden und da kann er nicht jedes Wochenende nach Hause kommen - auch wenn wir das als Familie natürlich schön fänden. Stück für Stück geht er immer mehr seinen eigenen Weg. Für mich als Mutter heißt das Loslassen. Das ist eine Kunst eigener Art.

Kriegt er das alleine hin? Diese Frage begleitet mich durch die Jahre hindurch: Als er beginnt, mit dem Roller auf dem Gehweg unterwegs zu sein, als der kleine Erstklässler morgens in den übervollen Bus zur Schule steigt. Kriegt er das allein hin?

Wie harmlos mir dieser Bus heute erscheint, wenn ich daran denke, wie er später zum ersten Mal mit dem Fahrrad zur Schule gefahren ist – und erst recht, als er mit dem Auto vom Hof fuhr.

Vor ein paar Wochen war er mit einem Interrailticket unterwegs – kreuz und quer durch Osteuropa: fast 5000 km - sieben Länder -mit 20 verschiedenen Zügen.

Er hat sich ganz bewusst entschieden, alleine unterwegs zu sein, im Rucksack Kleidung für fünf Tage. Und es hat geklappt. Nicht, weil alles perfekt durchgeplant war, sondern weil er seinen Weg auf dieser Reise gefunden hat. Schritt für Schritt. Es war kälter als gedacht, vielfältiger und bunter. Einheimische haben ihm Wanderwege empfohlen, Ostern hat er in einer deutschsprachigen Gemeinde in Siebenbürgen gefeiert und er ist überzeugt: slowenische Mehlspeisen sind die allerbesten!

Unser Sohn bekommt sein Leben alleine geregelt. Das weiß ich. Mit seiner Europareise hat er das mir und ein Stück weit auch sich selbst noch einmal bewiesen.  

Und trotzdem frage ich ihn, wenn er von unserem Zuhause zu seinem Studienort aufbricht: „Hast Du alles eingepackt?“ „Ja, habe ich,“ sagt er und lächelt mich an.

Denn er weiß, dass ich inzwischen nicht mehr die Brotdose und den Turnbeutel meine, sondern eine große Portion Liebe von uns, seiner Familie. Die hatte ich ihm nämlich beim Abschied zu seiner großen Reise mitgegeben. Und dazu einen leisen Segen „Gott behüte dich!“ Ein Satz und Wunsch für Wege, die weiterführen, als die, die ich als Mutter mitgehen kann und möchte.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44401
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