SWR4 Abendgedanken
Meine Oma hat den Mai immer den Wonnemonat genannt. Ein Wort aus einer Zeit, in der man noch wusste, was es heißt, lange zu warten. Denn der Wonnemonat war der Weidemonat, in dem das Vieh nach dem langen, kalten Winter endlich wieder hinaus auf die Weide durfte. Ich erinnere mich noch, wie im Mai der Bauer in unserer Straße mithilfe der ganzen Nachbarschaft und uns Kindern die Kühe das erste Mal auf die Weide getrieben hat. Kaum auf der Weide angekommen, sprangen die Tiere fröhlich hin und her, drehten ausgelassen ihre Runden und schienen ihre neu gewonnene Freiheit mit jedem Schritt zu feiern. Mir geht es in diesem Jahr ganz ähnlich. Die Wintermonate haben sich hingezogen; vieles fühlte sich gerade auch aufgrund der politischen Weltlage schwer und grau an.
Jetzt im Mai scheint endlich wieder die Sonne. Die Vögel singen bei uns morgens und abends, ein Schwanenpaar brütet am Ufer der Tauber. Die Bäume tragen ihr frisches Grün. Alles drängt nach draußen und unser Städtchen wird neu belebt. Radfahrtouristen kommen zu uns nach Tauberfranken, und Schiffe mit Gästen aus der ganzen Welt legen an. Auf dem Marktplatz wird geschwätzt und gelacht. Die Cafés und Eisläden haben geöffnet. Das Leben fühlt sich plötzlich schöner an, so viel leichter als noch vor ein paar Wochen, obwohl sich das Weltgeschehen im Grunde leider nicht verändert hat.
Aber die Lebensfreude, die jetzt an so vielen Orten spürbar ist, verändert meinen Blick. Ich lasse mich nicht mehr so ganz gefangen nehmen von Sorgen und Schwere. In der Bibel heißt es: „Ein frohes Herz macht das Gesicht heiter, doch Kummer im Herzen bedrückt den Geist.“ (Sprüche 15,13)
Der Mai feiert das Leben- unübersehbar. So wie wir dem Leben Raum geben, hellt sich auch unser Blick auf. Ein frohes Herz lässt sich nicht verordnen. Es wächst dort, wo wir wahrnehmen, wie viel und was uns alles geschenkt ist. Freude ist keine Flucht vor der Wirklichkeit. Sie ist eine Kraft, die uns trägt. Sie richtet uns auf, schenkt uns Mut und verändert mehr als wir denken.
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