SWR Kultur Lied zum Feiertag/Zum Feiertag

14MAI2026
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„Was steht ihr da und seht in den Himmel?“ Das müssen sich die Jünger Jesu am Himmelfahrtstag fragen lassen. In der Apostelgeschichte wird erzählt, wie Jesus auf einer Wolke verschwindet. Ratlos und fassungslos blicken die Jünger ihm hinterher. Noch einmal müssen sie ihr Verhältnis zu Jesus völlig neu justieren. Dabei hatten sie sich gerade erst an die Begegnungen mit dem Auferstandenen gewöhnt. Aber auch diese Zeit ist nun unwiederbringlich vorbei. Was sollen sie jetzt tun? Was dürfen sie hoffen?

Eins wird ihnen gleich unmissverständlich klargemacht: Sich an Jesus zu orientieren, heißt nicht, die Wolken zu betrachten. Der Himmel, in den Jesus zurückkehrt, das Himmelreich, das er verheißen hat, das ist kein Ort, sondern eine Art zu leben.

Joan Baez Strophe 1

Den Himmel im Blick zu haben, bedeutet Hoffnung! Hoffnung auf Gottes neue Welt. In einem Lied, das eine erstaunliche Geschichte hat, wird diese Haltung für mich hörbar und spürbar: We shall overcome

Joan Baez, Strophe 1

Wir werden alles überwinden, eines Tages. Gott wird uns hindurchhelfen, eines Tages. Ja, tief in meinem Herzen glaube ich fest, dass wir eines Tages alles überwinden werden…

Ein Lied, das von einer tiefen christlichen Hoffnung auf Erlösung geprägt ist. Und gleichzeitig ein Lied, das im 20. Jahrhundert ein Schlüsselsong des politischen Protests weltweit geworden ist.

Das Lied, wie wir es heute kennen, hat weitverzweigte Wurzeln. Die Melodie lehnt sich an eine sizilianische Volksweise an: O Sanctissima – ein Marienlied. Europäische Auswanderer brachten es in die USA. In Deutschland wurde die sizilianische Melodie durch ein anderes Lied berühmt:

O du fröhliche, Violine und Orgel

Ja, genau: O du fröhliche! – wenn man es weiß, kann man die Ähnlichkeit der Tonfolge in We shall overcome sogar heraushören…

In den USA hörten afro-amerikanische Sklaven die Melodie von O Sanctissima von ihren Unterdrückern. Sie nahmen sie auf, wandelten sie ab – und hatten dazu bald ihren eigenen Text:

No more auction block for me – sangen diejenigen, die misshandelt und wie Vieh gekauft und verkauft wurden: Ich werde nie mehr auf dem Block stehen müssen und mich bei einer Sklavenauktion zur Schau stellen lassen.

No more driver’s lash for me – keine Peitsche mehr für mich. Konkreter kann man die Hoffnung auf ein besseres Leben nicht ausdrücken.

Charlie Haden, Klavier

Um 1900 schrieb der Methodistenpfarrer Charles Albert Tindley, selbst Sohn eines Sklaven, schließlich den Gospelsong I will overcome some day – ich werde überwinden. Das Lied handelt vom inneren Kampf jedes Christen gegen die Macht des Bösen in der Welt.

Sein Text war sicher einigen der Arbeiterinnen bekannt, die im Winter 1945 in South Carolina die Arbeit niederlegten. Ein fünf Monate andauernder Arbeitskampf für bessere Löhne gegen die American Tobacco Company begann. Überwiegend schwarze Frauen streikten dort, aber es gab auch große Solidarität von weißen Amerikanern. Um der Kälte zu trotzen, wurde gesungen – und die Streikenden, die aus unterschiedlichen Traditionen kamen, mischten No more auction block mit der Melodie von O Sanctissima und Textelementen von I will overcome zu einem kraftvollen Streiklied: We shall overcome!

Es würde zur wichtigsten Hymne der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung – hier gleich zu hören in einer Live-Aufnahme von Pete Seeger aus dem Jahr 1963, in der er zur Solidarität mit den Demonstrierenden in den Südstaaten aufruft – denn auch zwanzig Jahre später konnte von Gleichberechtigung zwischen Schwarzen und Weißen noch keine Rede sein …

Pete Seeger

Es braucht Menschen, die etwas tun – dann wird dieses Lied wahr, sagt Pete Seeger. Dann werden wir Hand in Hand gehen.

Überall wurde von da an mit diesem Lied für eine gerechtere Welt gestritten: Bei Demonstrationen gegen die Apartheid in Südafrika wurde es gesungen – und auch von der Unabhängigkeitsbewegung in Bangladesch. In den achtziger Jahren ging man in Westdeutschland damit gegen das atomare Wettrüsten auf die Straße – und in der DDR gegen das SED-Regime.

Manche haben das Lied bewusst als Christinnen und Christen gesungen – andere die Sehnsucht, die in seinen Zeilen steckt, für sich übernommen. Und die Hoffnung auf das Himmelreich, die das Lied ursprünglich in sich trägt, hat allen Mut gemacht. Die Geschichte von We shall overcome zeigt: Die christliche Hoffnung auf den Himmel muss keine Vertröstung aufs Jenseits sein. Sie ist eine Kraft, die das Hier und Heute verändern kann. Eine Kraft, die fast physisch spürbar wird, wenn Louis Amstrong davon singt….

Louis Armstrong

Wir haben keine Angst – heute.
Ja, ich glaube: Wer darauf vertraut, dass eine Zukunft in Frieden und in Gerechtigkeit möglich ist, ja eines Tages bestimmt kommen wird, verliert die Angst. Erst recht, weil diese Verheißung über das eigene Leben hinausweist.

Auch wenn ich nicht mehr unter euch lebe, das ist die Botschaft von Jesus am Himmelfahrtstag, auch dann wird sich das Himmelreich weiter ausbreiten. Und ihr werdet Teil davon sein. Im Leben und im Tod.

Das feiern wir heute: Ja, tief in meinem Herzen glaube ich fest, dass wir eines Tages alles überwinden werden…

Louis Armstrong

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44388
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