Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

13MAI2026
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Ich sitze im warmen Sand an der Ostsee, in der Nähe von Wismar. Vom Strand aus kann ich rüberschauen auf die kleine Insel Poel. Genau dort hat bis vor wenigen Tagen noch der als „Timmy“ bekanntgewordene Buckelwal gelegen. Gott sei Dank, der Wal hat jetzt endlich seine Ruhe, denk ich.

Ich habe die Bilder noch vor Augen, die sich auf der Insel abgespielt haben: Eine aufgebrachte Meute, Schaulustige oder vermeintliche Wahlretter, durchbricht Absperrungen und fordert lauthals: Rettet den Wal, Freiheit für Timmy. Ich habe deren Empörung nicht verstanden. Ich konnte eher das nachvollziehen, was die meisten Wissenschaftler gesagt und empfohlen hatten: Das Tier ist krank, lasst es in Ruhe sterben.

Ich freue mich deshalb umso mehr über die entspannte Stimmung an diesem Nachmittag am Strand. Und über das, was ich dort beobachte: Gerade findet ein Sandburgen-Wettbewerb statt und viele Kinder, und auch etliche Erwachsene, buddeln, bauen und gestalten mit großer Hingabe Sandkunstwerke. Da werden zuerst Umrisse in den Sand gezeichnet, dann feuchter Sand aufgeschüttet und mit Schaufeln festgeklopft. Anschließend wird mit Wasser geglättet und am Ende verziert. Meine zwei Favoriten sind: eine große Krake mit langen, muschelgespickten Sandarmen. Und eine Meerjungfrau mit einer wilden Haarmähne aus Stöckchen und gelben Löwenzahnblüten. 

Der Sieg an diesem Nachmittag geht aber an ein anderes Sandkunstwerk: Ein Vater und seine Tochter haben einen Wal geformt haben, samt Lastkahn. Daneben haben sie „Timmy“ in den Sand geschrieben. Oh Mann, denke ich, das Thema ist noch immer nicht vorbei. Dieser Wal beschäftigt das ganze Land. Bis an die Sandstrände.

Ich weiß natürlich nicht, warum die beiden genau dieses Motiv gewählt haben. Vielleicht, so denke ich mir, haben die beiden ja einen Sand-Timmy gestaltet, weil sie Mitleid mit dem Tier haben; oder sie haben sich auf ihre Weise, mit einem schönen Kunstwerk, von dem Wal verabschiedet. 

Wie auch immer. Vater und Tochter werden den Strand am Abend verlassen – und ihren Sand-Timmy damit sich selbst über-lassen. Es wird das passieren, was ich mir auch für den großen Buckelwal gewünscht hätte: Wind, Wasser und Sonne werden das Sandkunstwerk auflösen. Die Natur wird sich nach und nach alles zurückholen, was sie einst hervorgebracht hat. Und das zuzulassen ist gar nicht so einfach. 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44373
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