Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Ich bin zuhause bei meinen Eltern im Allgäu und unterwegs zu einem Paar, deren Sohn sich das Leben genommen hat. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, was ich dort sagen soll. Wie ich das Gespräch beginnen soll. In einer Situation, in der jedes Wort zu viel ist und keines so wirklich passt. „Wie geht’s Euch?“ wäre hier eindeutig kein guter Gesprächseinstieg. Als ich vor der Tür stehe und die Klingel drücke, bin ich immer noch unsicher. Ein paar Minuten später sitze ich im Wohnzimmer mit einer Tasse Kaffee und wir reden einfach, wie von allein. Über ihren Sohn, wie die letzten Monaten und Jahre waren. Wir reden über die anstehende Beerdigung, aber auch über unser Dorf, meine Arbeit beim Radio und meine Eltern. Manchmal schweigen wir kurz. Lachen auch das eine oder andere Mal und weinen. Es tut gut zu hören, dass auch schon andere aus unserem Dorf da waren. Dass die beiden nicht alleine sind. Und reden können. Auch, wenn das nichts daran ändert, dass ihnen ihr Sohn fehlt.
Und dann kommt die Frage: „Sag mal, wie ist das eigentlich? Wie geht die Kirche mit Suizid um?“ Ich denke mir: „Mein Gott, dass das immer noch rumgeistert…“. Ich sage: „Ja, früher war das ziemlich krass, wie die Kirche das sah. Menschen, die sich das Leben genommen hatten, wurden nicht mal auf dem Friedhof beerdigt. Aber das ist schon lange nicht mehr so.“ Ich erzähle ihnen dann von einer Theologin, die immer wieder mit dem Thema „Suizid“ zu tun hatte. Die hat mal zu mir gesagt: „Eines ist für mich völlig klar: Wenn es Menschen so schlecht im Leben geht, dass sie es hier einfach nicht mehr aushalten und ertragen können, dann bekommen die im Himmel eine extra Wolke.“
Und „extra“ heißt für sie nicht separiert, sondern „extra“ heißt einen richtig tollen Platz. So, wie jemand bei einem richtig guten Essen noch eine extra Portion bekommt. Und im Himmel dann dementsprechend einfach eine extra Portion Liebe, eine extra Wolke und hoffentlich auch eine extra Umarmung.
Wir sitzen alle einen Moment still da und lächeln. Ich glaube, wir drei stellen uns vor, wie jetzt ihr Sohn da oben ist, auf seiner extra Wolke. Und das ist er. Davon bin ich überzeugt.
Sollten Sie selbst Hilfe benötigen, dann finden Sie diese u.a. bei der Telefonseelsorge: https://www.telefonseelsorge.de/sorgen-themen/suizidpraevention/
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44371