SWR1 Anstöße sonn- und feiertags
Wir sitzen im Kollegenkreis zusammen und reden über diesen Sonntag heute, über den Muttertag. Es ist echt interessant, was ein Thema auf einen Schlag für Reaktionen auslösen kann. Eine Kollegin verdreht gleich die Augen. Eine sagt: „Ach, da kann man doch etwas echt Nettes im Radio erzählen.“ Eine andere meint: „Den Tag haben doch die Nazis eingeführt.“ Ganz nebenbei: Haben sie nicht. Der Verband der Blumenbinder hat ihn in den 1920ern eingeführt. Aber die Nazis haben den Tag benutzt, um ihr Bild von der „Deutschen Mutter“ zu propagieren.
Zurück zu unserem Dienstgespräch. Die augenrollende Kollegin sagt schlussendlich: „Mir brauchen meine Kinder am Muttertag nichts schenken. Wenn sie mir sonst das ganze Jahr auch keine Blumen schenken.“ Letzteres verstehe total. Also entweder soll jemand das ganze Jahr über aufmerksam sein oder gar nicht. Aber eben nicht nur an einem Tag.
Trotzdem bin ich mir nicht sicher, ob diese Begründung so schlüssig ist. Weil mit diesem Argument könnten wir doch alle Gedenktage abschaffen, oder? Warum gibt es zum Beispiel den Volkstrauertag? Weil wir uns immer neu daran erinnern sollen, wie viele Menschen in den letzten Kriegen gestorben sind. Und bei den christlichen Gedenktagen ist das genauso. Warum feiern wir einmal im Jahr Weihnachten und einmal im Jahr Ostern? Eben, dass wir uns daran erinnern, dass Gott Menschen geworden und Jesus auferstanden ist. Dass Gott uns begleitet. Im Leben und auch im Tod. Aber ist uns das immer bewusst? Jeden Tag? Mir zumindest nicht. Deshalb ist es wichtig, dass immer wieder zu hören und zu feiern. Zumindest an einem Tag im Jahr. Als Menschen brauchen wir solche Tage als Erinnerungshilfen.
Und so verstehe ich auch den Muttertag. Ich hab leider nicht immer parat, wie dankbar ich meiner Mama dafür bin, dass sie mich auf die Welt gebracht hat und jahrelang unglaublich viel Zeit in Windelwechseln, Kochen, Waschen und tausend andere Dinge investiert hat. Das habe ich eben nicht immer vor Augen.
Ok, nur Blumen zu schenken, ist wahrscheinlich nicht der Weisheit letzter Schluss. Aber vielleicht ist der Muttertag eine gute Erinnerung meiner Mama zu sagen, wofür ich ihr dankbar bin. Das kann man auch das ganze Jahr über, richtig. Trotzdem ist heute dafür eine gute Gelegenheit. Und ich will sie nutzen.
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