SWR4 Sonntagsgedanken
Gut ein Jahr ist das Konklave jetzt her. Dieses alte Ritual, bei dem so viele Kardinäle für eine Zeit lang in die Sixtinische Kapelle im Vatikan eingeschlossen werden, um einen neuen Papst zu wählen. Es heißt zwar Papst“wahl“, aber ich bin mir gar nicht sicher, ob „Wahl“ das richtige Wort ist. Zumindest nicht in unserem heutigen demokratischen Sinn. Denn die katholische Kirche versteht diese „Wahl“ ja als Wirken des Heiligen Geistes. Egal, wie man es nennt oder sieht: Vergangenes Jahr wurde dabei Papst Leo gewählt. Irgendwie ist es ein bisschen verrückt, wenn ich mich zurückerinnere, wie die Medien von dieser Wahl berichtet haben. Wie Menschen Stunden und Tage lang auf einen kleinen Schornstein starren. In der Hoffnung, dass weißer Rauch aufsteigt. Verbunden mit all der Neugierde, wer da wohl auf den Balkon tritt und dem Reiz, in diesen Moment dabei zu sein.
Ich war selbst einmal während einer Papstwahl in Rom. Das ist schon zwanzig Jahre her. Ich habe damals in Rom studiert, als Johannes Paul II. gestorben ist und der ganze Trubel losging: Die Menschenmassen, die den aufgebahrten Papst noch einmal sehen wollten. Die Beerdigung auf dem Petersplatz, die auf alle großen Plätze in Rom übertragen wurde und dann die vielen Stunden, die auch ich auf dem Petersplatz verbracht habe. Um ja nicht zu verpassen, wenn weißer Rauch aufsteigt und verkündet wird „Habemus Papam“, „Wir haben einen neuen Papst“.
An eine Szene aus diesen Tagen erinnere ich mich noch sehr genau: Es war kurz bevor die Kardinäle in die Sixtina gingen. Ich war mit einem Freund beim letzten Gottesdienst im Petersdom vor dem Konklave. Wir saßen ganz vorne im Chorraum. Joseph Ratzinger feierte den Gottesdienst. Und vier oder fünf Mal wurde er während seiner Predigt vom Zuspruch und Klatschen der Tausenden Menschen im Petersdom unterbrochen. Am Ende des Gottesdienstes ging er vom Altar die steilen Stufen hinunter. Mein Freund neben mir beugt sich in diesem Moment zu mir rüber und sagt: „Sie ihn dir an. Der wird unser neuer Papst.“ Das hört eine deutsche Ordensfrau vor uns, dreht sich erschrocken um und sagt: „Ich hoffe, der Heilige Geist hat da auch noch ein Wörtchen mitzureden.“
Tja, Joseph Ratzinger wurde dann gewählt und gab sich den Namen Benedikt XVI.. Die Sache mit dem Heiligen Geist scheint also nicht so einfach zu sein.
Ich spreche heute in den SWR4-Sonntagsgedanken über das Konklave und den Heiligen Geist und wie unberechenbar der ist.
In zwei Wochen ist Pfingsten. Das Fest des Heiligen Geistes. Da wird erzählt, wie die Jünger 50 Tage nach der Auferstehung Jesu zusammensitzen und vom Heiligen Geist erfüllt werden. Viele Menschen beten deshalb vor Pfingsten um ihn. Und auch die biblischen Texte in diesen Tagen und Wochen erzählen immer wieder von diesem Geist. Mal, wenn es um die Beauftragung der Jünger Jesu geht oder, wenn er sagt, dass er eines Tages nicht mehr da sein wird und dann diesen Geist schicken wird. Als Beistand. Also quasi als Helfer. Aber das alles bleibt doch immer sehr vage und unkonkret.
Wenn ich den Heiligen Geist beschreiben sollte, dann denke ich an die Begegnung mit einem Mönch. Ich war für ein paar Tage in einem Kloster. Um abzuschalten, ein wenig Ruhe zu haben und zu beten. Jeden Tag hatte ich ein Gespräch mit diesem Mönch. Und bei unserem ersten Gespräch hat er mich zu Beginn gefragt: „Macht es Ihnen etwas aus, wenn wir zuerst um den Heiligen Geist beten?“. Natürlich nicht, hab ich gesagt und dann hat er ein kleines Blatt zur Hand genommen, auf dem ein sehr alter Heilig Geist Hymnus zu lesen war. Das Blatt lag von da an jeden Tag auf dem kleinen Beistelltisch zwischen uns und wir haben jedes Mal mit diesem Gebet begonnen. Einmal hat er es vorgebetet und einmal ich. Immer abwechselnd. Manchmal schmunzelte er mich schon an und fragte: „Wer ist heute dran?“
Ich mochte das sehr. Bevor wir zu reden begonnen haben, haben wir um ein gutes Gespräch gebetet, dass wir respektvoll miteinander umgehen und die richtigen Worte finden. Wir haben um ein „geistvolles“ Gespräch gebetet, dass Gott uns durch seinen Heiligen Geist darin begleite.
Und in diesem Sinne verstehe ich den Heiligen Geist. Als Beistand und Helfer. Und genauso, wie wir zu zweit um ihn gebetet haben, verstehe ich es auch bei den Kardinälen im Konklave. Der Heilige Geist wählt ja nicht in dem Sinne, dass er einen eigenen Stimmzettel abgibt. Aber vielleicht schenkt er manchmal ein wenig Ruhe und Besonnenheit. Und das ist, wenn man sich entscheiden muss, ja nie ein Fehler.
Vielleicht mögen sie das auch mal selbst ausprobieren. Wenn sie ein schwieriges Gespräch mit jemandem vor sich haben oder eine Entscheidung treffen müssen. Denn ich denke nicht, dass der Heilige Geist auf Kardinäle und Klöster festgelegt ist.
In diesem Sinne: Einen gesegneten Sonntag mit viel Heiligem Geist.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44369