SWR Kultur Wort zum Tag
„Timmy ist abgetaucht“, lautet die neueste und womöglich letzte Schlagzeile über den in der Ostsee gestrandeten Buckelwal. In den letzten Wochen hat er viele Gemüter bewegt - jetzt schwimmt er wieder in der Nordsee, wo er hingehört. Der Peilsender, der auch weiterhin Auskunft über sein Schicksal geben sollte, ist verschwunden oder funktioniert nicht wie vorgesehen. Fast sieht es so aus, als hätte der Wal all den Experten, Schaulustigen, Regierungen und Sponsoren, die sich so intensiv mit seinem Wohlbefinden beschäftigt haben, ein Schnippchen geschlagen. Ich bin dann mal weg …! Möge er seinen Frieden finden, wünsche ich ihm, durch ein unbeschwertes Leben oder durch einen sanften Tod!
Bis zuletzt hat Timmy alles auf den Kopf gestellt. Übrigens auch eine biblische Geschichte, an die ich in den letzten Wochen dieses Waldramas oft habe denken müssen. Da retten nicht Menschen einen gestrandeten Wal, sondern ein Wal rettet einen gestrandeten Menschen. Es handelt sich um den Propheten Jona. Der will abtauchen. Nicht vor den Augen einer allgegenwärtigen Öffentlichkeit, sondern vor Gott höchstpersönlich und vor einem göttlichen Auftrag, dem er sich nicht gewachsen fühlt. Weil er aber die Auseinandersetzung mit seinem göttlichen Auftraggeber scheut, bleibt ihm nur die Flucht: Er heuert auf einem Schiff an, das ihn ans andere Ende der Welt bringen soll – weit weg von irgendeiner Verantwortung. Aber der Mensch entkommt seiner Verantwortung nicht. Das muss auch Jona erfahren. Ein Sturm kommt auf; die Mannschaft wirft ihn über Bord. Jona sieht sein letztes Stündchen kommen, da taucht in letzter Minute ein riesiger Fisch auf und verschluckt ihn. In dessen Leibeshöhle hat er Zeit zum Nachdenken, zum Beten, ja, schließlich für einen umfassenden Sinneswandel. Geläutert spuckt ihn der Fisch nach drei Tagen ans rettende Ufer.
Ein Wal hat einen Menschen gerettet. Ihn im besten Sinn des Wortes geborgen und ihm eine zweite Chance gegeben. So wie Timmy uns viele Chancen gegeben hat, über unseren Auftrag für die Welt nachzudenken. Jona hat seinen Auftrag schließlich erfüllt, Verantwortung übernommen – aber das ist wieder eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.
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