SWR Kultur Wort zum Tag
Nun geht es also dem alten Bismarck an den Kragen. Schon in vielen deutschen Städten sind Straßen und Plätze umbenannt worden, wenn sich herausgestellt hat, dass deren Namensgeber – ich sage es mal salopp - Dreck am Stecken hatten. In Stuttgart hat gerade ein Diskussionsprozess begonnen, in dem über den Namen Bismarck im öffentlichen Raum verhandelt werden soll. Rund 3000 Bismarckplätze, -straßen, -türme, -gymnasien und -Denkmäler gibt es deutschlandweit - die ganzen Bismarckheringe noch gar nicht mitgezählt. Zu Beginn 20. Jahrhunderts wurde der Reichsgründer, Reichskanzler und Begründer der Sozialgesetzgebung wie eine Lichtgestalt verehrt. Hundert Jahre später blickt man viel kritischer auf seine autoritäre Staatsführung, seinen harten Umgang mit politischen Gegnern und die von ihm verantwortete Kolonialpolitik.
In Stuttgart ist das erste Stadtgespräch zum Thema gut verlaufen. Es ist deutlich geworden, dass es nicht um einfache Ja-Nein-Lösungen geht, sondern darum, die Widersprüche einer Persönlichkeit zu benennen und zu gewichten. Erinnerungskultur verändert sich. Und eine Gesellschaft muss sich mit ihrer Geschichte immer wieder neu auseinandersetzen. Nach dem zweiten Weltkrieg wurden die Straßen in neu entstehenden Stadtvierteln zum Beispiel gern mit harmlosen Blumen- oder Vogelnamen versehen; da konnte man praktisch nichts falsch machen. Es gab aber auch Siedlungen, in denen sich eine Sudetenstraße, eine Banater Straße und eine Königsberger Straße kreuzten – ein bewusstes Statement, um den Geflüchteten, die dort eine Heimat verloren hatten, zu signalisieren, dass ihre Herkunft nicht vergessen und ihre Zukunft nun Teil westdeutscher Siedlungsgeschichte sein würde.
Namen sind Schall und Rauch? Mitnichten! Namensgebung ist ein hoch politisches Ding. Auch bei Straßen und Plätzen. Wie es mit Bismarck weitergehen wird? Ich bin gespannt. Und ich finde, er hat nun wirklich eine lange Zeit in Ehren gehabt und könnte ruhig hie und da seinen Platz räumen. In Stuttgart ist Betty Rosenfeld im Gespräch. Eine Frau statt eines Mannes. Eine Jüdin statt eines Protestanten. Und ein Opfer der Nationalsozialisten statt eines Helden des ersten deutschen Reiches. Die Zeit wäre reif.
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