Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

09MAI2026
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Edwine ist fast 90. Sie sitzt mir gegenüber auf der kleinen Terrasse hinter ihrem Haus. Ihr Sohn hat mich ums Haus herum gewunken und gefragt, ob er uns einen Sonnenschirm aufspannen soll: „Ne ne, bloß nicht die Mai-Sonne aussperren. Es war lang genug kalt.“, ruft Edwine. Ihre Füße stehen vor ihr auf den Waschbeton-Platten. Sie trägt rote Sandalen. Durch die Riemen quellen dicke bunte Wollsocken. „Ich hab immer kalte Füße“, sagt sie. „Aber erst seit ich älter bin, früher nicht. Früher hab ich gern offene Schuhe getragen. Ohne Wollsocken – sondern mit rot lackierten Fußnägeln.“ Sie fängt an von dieser Zeit zu erzählen: Dass sie früher als junge Frau hier im Ort in einem Keramikbetrieb gearbeitet hat und dass sie zusammen mit anderen im Sommer immer im Freibad waren.

Dann deutet sie hinter mir über den Zaun in den Garten des Nachbarn: „Immer wenn ich beim Rolf drüben zum ersten Mal das Einhorn im Pool sehe, dann weiß ich: Jetzt kommt der Sommer.“ Ich folge ihrem Finger und sehe ein weißes Aufblas-Einhorn mit regenbogenbunter Mähne, das auf dem Gartenpool schwimmt. „Dann hol ich die Sandalen raus“, sagt Edwine. „Und mein Sohn bringt mir die Wollsocken hinterher.“ Sie lehnt sich lachend zurück.

„…Dann weißt du, dass der Sommer nah ist.“, hat Jesus auch mal gesagt. Er ist oft gefragt worden: „Welche Zeichen wird es geben, damit wir wissen, dass Gott wiederkommt, überhaupt, dass Gott in dieser Welt ist?“ Die ihn das fragen, provozieren ihn, ein Weltuntergangsszenario aus Erdbeben und Zerstörung zu zeichnen, als könne nur sowas die Welt retten. Jesus malt dazu aber ein sanftes, ein weiches Bild: „Wenn der Feigenbaum Früchte trägt, dann weißt du, dass der Sommer nah ist.“ Und nimmt damit ernst, dass wir selbst ein Gefühl haben für die Zeit, die vergeht. Natürlich. Aber auch für die Zeit, die noch kommt. Ein nächster Sommer. Mit Früchten und Aufblas-Einhorn.

Ich habe mir an diesem Nachmittag bei Edwine den ersten Sonnenbrand des Jahres geholt. Aber keinesfalls hätte ich im Schatten sitzen wollen da bei ihr auf der Terrasse.

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