SWR1 Begegnungen

03MAI2026
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Norbert Clausen copyright: Privatfoto

Vorgestern war der „Tag der Arbeit“. Dazu habe ich Norbert Clausen besucht, der sich um Menschen kümmert, die es schwer haben überhaupt Arbeit zu finden. Ich treffe ihn in seinem Büro im sogenannten „Gelben Haus“ in Offenbach am Main. Dort leitet er seit knapp zwei Jahren die Geschäftsstelle der Initiative Arbeit e.V., einer Einrichtung des Bistums Mainz. Davor war der diplomierte Theologe etliche Jahre in der Jugendhilfe tätig. Was hat ihn gereizt an diesem Wechsel?

 

Ich bin mein Leben lang ein überzeugter Christ, bin mein Leben lang ein sozialer Mensch, der in verschiedenen Bereichen gearbeitet hat. Und nachdem meine Zeit in der Jugendhilfe zu Ende ging, habe ich einfach einen sozialen Bereich wieder gesucht. Und ich finde es sehr spannend, wieder mit Menschen zu arbeiten, die dankbar dafür sind, dass sie Hilfe erhalten.

 

Denn darum geht es in der Initiative Arbeit: Menschen unterstützen, die oft große Probleme haben, einen normalen Job zu finden. Mit Faulheit, wie oft unterstellt, hat das aber selten zu tun. Es gibt Hindernisse. So vielfältig wie die Menschen.

 

Die einen haben nach ihrer Elternzeit keine Chance mehr, in die Arbeit wieder reinzukommen, … Andere haben krankheitsbedingte Ausfälle hinter sich, Suchterkrankungen, psychische Erkrankungen. Wer jahrelang arbeitslos ist, der hat oft keinen geregelten Tagesablauf. Das muss man tatsächlich monatelang erst wieder üben, bis man da reinkommt. Fehlende Kinderbetreuung, fehlende Pflege für alte Leute. Bei vielen Menschen mit Migrationshintergrund, die oft schon 20 Jahre hier leben, ist es einfach die Sprache, die fehlt.

 

Eine Arbeit zu haben, sagt Norbert Clausen, sei für Menschen immens wichtig. Warum das so ist?

 

Arbeit dient zum Erwirtschaften von Geld. Aber Arbeit ist natürlich auch ein Status. Wer keine Arbeit hat, fühlt sich oft wertlos. Arbeit stiftet Anerkennung, gibt einem das Gefühl, ich leiste etwas und bekomme etwas dafür. Es ist Wertschätzung. Es hat aber auch soziale Komponenten. Wenn ich in einem Betrieb arbeite, dann habe ich dort ein soziales Netz, was ich zu Hause alleine nicht hätte. Ich habe etwas, was ich erlebe, was ich wieder zu Hause teilen kann. Und das ist mir mindestens so wichtig wie die Erwerbsarbeit zum Gelderwerb.

 

Menschen, die warum auch immer aus dem Arbeitsleben rausgefallen sind, wieder so stark zu machen, dass sie im besten Fall einen festen Job finden – für ihn ist das konkrete, greifbare Seelsorge.

 

Wir bieten Räume, wo Menschen angenommen werden, die sonst diese Annahme als Menschen nicht finden. Wenn ich eines unserer Projekte nehme, sogenannte ‚Arbeitsgelegenheiten‘. Da kommen Langzeitarbeitslose und werden einfach gerne gesehen. Sie kommen zu einer bestimmten Zeit morgens. Sie gehen nachmittags nach Feierabend wieder. Sie lernen natürlich dieses geregelte Leben, aber vor allen Dingen erfahren sie Wertschätzung. Und diese Annahme des Menschen, das ist für mich ein ganz wichtiger Punkt, weil damit stärke ich Menschen.

 

Wie er die Diskussion ums Bürgergeld sieht und warum das, was er tut, für ihn etwas christlich ist, darum geht’s gleich. 

 

… ich begegne Norbert Clausen von der Initiative Arbeit im Bistum Mainz. Dort kümmert man sich um Menschen, die es schwer haben, einen Job zu finden. Menschen ohne Arbeit sind immer wieder auch Gegenstand politischer Debatten. Die Diskussion ums Bürgergeld etwa vor der letzten Bundestagswahl. Wie hat Norbert Clausen sie empfunden?

 

Ich fand die Diskussion damals sehr plakativ, sehr flach, sehr kurz und es wurden Bilder gezeichnet, die einfach so nicht stimmen. Es wurde sehr stark herausgezeichnet: Wer nicht leistet, der ist auch nichts wert. Das finde ich aus christlicher Sicht eine Katastrophe. Der Mensch an sich ist wertvoll und nicht nur, wenn er leistet.

 

Denn jenseits von pauschalen Vorurteilen gilt …

 

Es gibt sehr wenige Verweigerer. Es gibt viele, die haben Hemmnisse, aus welchen Gründen auch immer. An die muss man herangehen, ohne zu stigmatisieren.

 

Menschen mit sogenannten Vermittlungshemmnissen wie etwa chronischen Krankheiten, der Pflege von Angehörigen oder Sprachproblemen finden oft nur ganz schwer in reguläre Beschäftigung. Diese Menschen zu sehen mit all ihren Problemen, das ist Norbert Clausen wichtig. Denn eine Gesellschaft, die nur noch auf maximale Leistungsfähigkeit getrimmt ist, sei letztlich eine arme Gesellschaft.

 

Wenn ich mich an früher erinnere, an die Dörfer, da gab es immer Menschen, die keine Arbeit hatten. Da war in jedem Dorf der, der einfach nur da war, aber überall mitgeholfen hat. Der war auch wertvoll. Und diese Menschen, die haben wir heute nicht mehr im Blick. Und die fehlen unserer Gesellschaft. Die Leistungsgesellschaft ist arm, wenn sie nicht solche Menschen hat, die mit ihrem Menschsein sie bereichern.

 

Nun ist Unterstützung für Menschen ohne Arbeit ja vor allem eine Sache der staatlichen Jobcenter. Warum engagiert sich die Kirche in diesem Bereich?

 

Für mich ist das die Nachfolge Jesu, weil, Jesus hat sich um die Menschen gekümmert, die kein Ansehen und keinen Platz in der Gesellschaft hatten, die abgehängt waren, hat dazu aufgerufen: Schaut nach denen, die am Straßenrand sind, die nicht mitkommen mit der Gesellschaft, die Hilfe brauchen. Und genau das tun wir. Wir kümmern uns um die, um die Gesellschaft sich nicht mehr so sehr kümmert.

 

Hört sich an wie eine ganz handfeste Art, das Evangelium zu verkünden.

 

Es ist keine Verkündigung mit vielen Worten, sondern eine Verkündigung mit Haltung, würde ich sagen, bei mir vom christlichen Selbstverständnis her. Die zeige ich anderen Menschen und gebe sie auch gerne als Beispiel weiter. Das ist für mich pure Verkündigung. Und ich glaube auch die nachhaltigste, weil nur mit der eigenen Haltung, mit dem eigenen Vorbild kann man andere auch überzeugen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44358
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