SWR Kultur Wort zum Tag
„unbegreiflich“, hatten sie Ende April in Trier plakatiert, an allen Einfahrten in die Stadt, auf großen Werbeflächen, wo sonst meist die Stadt auf eigene Highlights hinweist: „unbegreiflich: ich hoffe“. Das war das Motto, die Einladung zu zehn Feier-Tagen, zum Bistums-Fest rund um den Trierer Dom. „HeiligRock-Tage“ heißt das – weil die Kirche hier in Trier ja „das letzte Hemd von Jesus“ aufbewahrt und seit tausend Jahren verehrt – kaum zu begreifen schon das: warum soll jemand sich um ein zweitausend Jahre altes Untergewand kümmern. Sogar seine Echtheit steht ja in Zweifel.
Und da passten die zehn Tage Bistumsfest gerade dieses Jahr ganz gut: alles oder fast alles steht in Frage; Zweifel und Kritik sind an der Tagesordnung. Kriege und Umwelt-Zerstörung, Angst und Tod bestimmen den Alltag. Unbegreiflich, dass da von Hoffnung geredet wird; dass sogar behauptet wird: ich hoffe, tatsächlich. Unbegreiflich. Da scheint jemand mit dem Rücken zur Wirklichkeit zu stehen. Verweigert sich den wirklichen Fragen und Problemen.
Für mich war das anders – immer wieder, zehn Tage lang; da mitten in Trier, das natürlich seinen alltäglichen Gang ging, mit Pflasterarbeiten auf dem Hauptmarkt, mit Baustellen rundum, mit kleinen und großen Skandal-Geschichten in der LokalZeitung, mit meinem normalen Rentner-Alltag auch und mit den täglichen Problemen im Haushalt und auf den Straßen. Auch bei den HeiligRock-Tagen stellte sich die oft so unbegreiflich hässliche Wirklichkeit der Welt immer wieder ein – etwa beim Abendlob im Dom: da sprachen Realschülerinnen von ihren Fragen und Ängsten; ein bisschen wie im Poetry Slam fragten sie nach Krieg und Hunger in der Welt, nach der neuen Wehrpflicht, nach der Zukunft ihrer eigenen Rente… Beim Blaulicht-Gottesdienst suchten Polizistinnen und Sanitäter, Soldaten und Pflegerinnen nach neuer Kraft für ihren Dienst an den Menschen. Eine Kunstinstallation brachte die Menschen in Berührung mit Kindern in der Ukraine – wie sie um Väter weinen, wie sie in Metro-Stationen zur Schule gehen – und das Friedensgebet erinnerte an den 24. Februar vor vier Jahren, als Putins Armeen die Ukraine überfallen haben und an den grauenhaften Krieg seither.
Unbegreiflich, angesichts all solcher Übel zu hoffen, dass Gott für die Welt und für die Menschen eine bessere Zukunft will? Ja: unbegreiflich, unerklärbar, oft genug. Aber wer an den Gott glaubt, der Jesus aus dem Tod in ein Neues Leben holt, hofft eben auch mit Blick auf all das Bedrohliche. Ich hoffe – und höre es gern, wenn Ingo Zamperoni nach vielen schrecklichen Tagesthemen mich und alle einlädt: Bleiben sie zuversichtlich!
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