SWR Kultur Wort zum Tag
Morgen, am 5. Mai ist wieder der europäische Protest-Tag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen. Das macht klar: da ist immer noch viel Luft nach oben. Protesttag für Gleichstellung – es braucht mehr als freundliche Aufrufe und Appelle. Immer noch sind Menschen benachteiligt oder ausgeschlossen, weil sie eine körperliche oder geistige oder seelische Beeinträchtigung haben – egal, ob seit ihrer Geburt oder durch eine Krankheit oder ein Unglück.
Als unser ältester Sohn Johannes zur Schule kam, hatte er großes Glück: die Grundschule damals hätte ihn überfordert. Er war ein wenig langsamer als alle anderen – körperlich und geistig; er hatte ein paar kleinere Fehlbildungen an Händen und Füßen… Johannes war eben ein bisschen anders. Zum Glück hatte gerade ein Schuljahr vorher seine Grundschule ihre erste „Integrationsklasse“ eingerichtet. Für fünf Kinder mit und fünfzehn Kinder ohne Behinderungen waren zwei Lehrerinnen und eine Sozialpädagogin da. Und jetzt eben auch für Johannes – er war einer der fünf mit ganz verschiedenen Handicaps. Ein sehr buntes Bild.
Schwer gerührt waren Eltern und Lehrerinnen, als nach einer guten ersten Woche eins von den fünfzehn Kindern „ohne“ zu Hause eine dringende Frage hatte: Wann kommen denn jetzt die Behinderten (so hat man das damals gesagt…), die mit mir zusammen in die Schule gehen sollen? Ihm war schlicht entgangen, dass die schon seit dem ersten Tag dabei waren. Ohne weiter aufzufallen – obwohl doch etwa der Rollstuhl kaum zu übersehen war. Und obwohl alle immer Rücksicht nehmen mussten, weil Johannes bei manchen Sachen bisschen länger brauchte – ganz zu schweigen davon, dass die Klassenkameradin mit den Gehhilfen beim Fangen- oder Versteckspielen auf dem Schulhof nur zuschauen konnte oder der nicht hörende Kamerad eine ganz andere Ansprache brauchte.
Die Kinder hatten keine Behinderungen gesehen und schon gar keine Behinderten. Für sie waren da Kinder und Kinder – und dass du manchmal bestimmte Sachen erst noch lernen musst, wussten sie ja von sich selbst…
Ja – Menschen mit Handicap oder Beeinträchtigung oder Behinderung brauchen oft ein wenig oder auch sehr viel Unterstützung und Begleitung; aber sie sind Menschen wie du und ich – Gottes geliebte Töchter und Söhne. Wer sie ausschließt oder benachteiligt, wer ihnen Hindernisse in den Weg legt oder Barrieren wegzuräumen vergisst, schließt gleich auch sich selbst aus der Gemeinschaft aus. Dagegen protestiert der Protesttag – und manche Städte und manche Kirchen machen drumherum eine ganze Woche der Inklusion. Vielleicht auch bei Ihnen in der Nähe!?
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