SWR3 Gedanken
„Zorn ist laut. Liebe ist mutig.“ So kündigt Lena, den nächsten Song an. Sie ist Sängerin einer Coverband. Die Stimmung auf dem Konzert ist super, ich bin dort mit meinen Töchtern; viele singen die Lieder laut mit und feiern die Musik. Aber als Lena über Zorn und Liebe spricht, wird es ganz plötzlich super still. Sie sagt: „Es gibt Gefühle, die lernen nie, leise zu sein. Zorn zum Beispiel. Der klopft nicht höflich an. Der tritt die Tür auf, stellt sich mitten in den Raum und sagt: Jetzt reden wir. Und dann ist da Liebe. Liebe macht das Gegenteil. Sie steht oft erst im Flur, unsicher, als hätte sie Angst, zu viel Platz einzunehmen.“
„Ja, klar“, denke ich. „Wie oft war ich schon wütend und deshalb laut.“ Das weiß natürlich auch meine Tochter. Sie schaut genau in dem Moment mit hoch gezogener Augenbraue zu mir rüber. Und wie unsicher mich schon Liebe gemacht hat, aus Angst, jeden Moment verletzt zu werden. Zorn und Liebe sind so starke Gefühle – selbst meine elfjährige Tochter weiß das. Und dann erklärt die Sängerin Lena weiter: „Am Ende ist Zorn vielleicht nur das Geräusch eines Herzens, das sich weigert, gleichgültig zu werden.“
Als Lena das sagt, hat meine Tochter Tränen in den Augen. Weil sie versteht, dass Zorn eben nichts Fieses oder Gemeines sein muss.
Deswegen wünsche ich meiner Tochter und auch mir selbst das hier: Wenn der Zorn die Tür auftritt und sagt „jetzt reden wir“, dass wir beide sagen können “Na, dann mal los!“
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