SWR1 3vor8

03MAI2026
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Als Jugendlicher habe ich zum ersten Mal erlebt wie sich Beklemmung anfühlt: als würde es einem den Brustkorb einschnüren – ganz schrecklich. Ich war damals nachts mit Freunden unterwegs. Den letzten Zug hatten wir verpasst. Deshalb mussten wir laufen, immer an den Gleisen entlang. Als wir aus der Bahnhofsbeleuchtung heraustreten umschließt uns Finsternis. Von nun an läuft Angst mit. Bald konzentrieren wir uns nur noch auf das Wesentliche: einatmen, ausatmen. Dann, die Wende: Ein Freund stimmt ein Volkslied aus dem Musikunterricht an. Ausgerechnet. Im Unterricht haben wir dies Lied häufig gesungen und ebenso häufig belächelt. Aber wir kennen es. Alle. Erleichtert stimmen wir ein – auch der, der sonst nie mitsingt. Etwas Wunderbares geschieht und wir werden zu einem Klangkörper, dem die Finsternis nichts mehr anhaben kann.

Damals am Bahndamm habe ich gespürt: Dieser klingende Moment ist uns geschenkt, das ist eine Rettung, die hat nicht nur mit uns zu tun. Und andererseits hat diese Rettung nur mit uns zu tun. Denn auch wenn es an den Bahngleisen finster bleibt: für uns hat sich mit dem Gesang alles verändert.

Viel später habe ich diese Motive in einer Bibelgeschichte wiedergefunden. Sie gehört zum heutigen Sonntag Kantate, dem Sonntag, der dem Lobgesang zu Gott gewidmet ist: Der Apostel Paulus und sein Begleiter Silas sind im Gefängnis - einem Ort ultimativer Angst. Dort sind sie hineingeraten, weil sie öffentlich von ihrem Glauben erzählt haben. An ihrem Glauben halten die beiden fest, auch wenn sie nun dicke Mauern umgeben und ihre Füße im Holzblock stecken. Um Mitternacht umschließt sie tiefe Finsternis.

Ich stelle mir vor, wie die beiden ein- und ausatmen und dann – so weiß der Text – singen (Apg 16,25). Ihren Gesang adressieren sie an Gott, der ihnen ihren Lebensatem geschenkt und in seinem Sohn ihre Finsternis geteilt und überwunden hat. Diese wunderbare Verbindung wirkt. Paulus und Silas spüren wie die Gefängnismauern in ihren Grundfesten wanken, sich die Holzfesseln lösen und sich die Zellentüren öffnen.

Und obwohl es in ihrer Gefängniszelle immer noch finster und dunkel ist, bleiben sie dort. Der Ort hat sich nicht verändert, aber für Paulus und Silas hat sich etwas verändert, auch ihnen wurde eine Rettung geschenkt: Sie haben sich freigesungen von ihrer Angst. Und sie bleiben – ausgerechnet wegen des Gefängniswärters. Der eilt schnell in Paulus und Silas Zelle. Sind die Gefangenen geflohen, muss er den Kopf hinhalten. Im Schein der Fackel, die er mitgebracht hat geht ihm ein Licht auf: Die Gefangenen sind noch da. Seinetwegen! Auch er wird ein Teil dieses Klangraums, dieser rettenden Verbindung zu Gott. Diese Rettung strahlt aus und führt zusammen wie ein Lied in der Finsternis!

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