SWR4 Abendgedanken
Heute vor 81 Jahren mussten die Nationalsozialisten offiziell zugeben, dass sie den 2. Weltkrieg verloren haben. Wenige Tage vorher hatten die Aufpasser im KZ Mauthausen bereits die Türen aufgemacht und alle Häftlinge frei gelassen. Unter ihnen war damals auch Jehuda Bacon, ein Jude. Niemand aus seiner Familie hat überlebt. Verlaust, völlig abgemagert und krank ist er als 16-Jähriger vor den KZ-Türen gestanden und hat mit seinem einzigen Freund beraten, in welche Richtung sie nun gehen sollen. Die beiden hatten Glück. Schon bald haben sie einen amerikanischen Soldaten getroffen, der dafür gesorgt hat, dass sie versorgt und gepflegt wurden. Ich habe Jehuda Bacon persönlich kennen gelernt und die Begegnung mit ihm nie vergessen. Er lebt heute als Künstler in Jerusalem und wird in diesem Sommer 97 Jahre alt.
Ich selbst bin erst nach dem Krieg geboren, und trotzdem hat der Zweite Weltkrieg auch mein Leben geprägt. Das war mir lange nicht bewusst. So kann ich z.B. bis heute nicht einfach sagen, wo meine Heimat ist. Auch ich spüre die Entwurzelung meiner Eltern nach der Vertreibung, obwohl ich nicht vertrieben worden bin. Oder wenn ich irgendwo neu dazukomme, zu Leuten, die ich nicht kenne. Da fürchte ich oft völlig unbegründet, ich könnte nicht erwünscht sein. So, wie das meine Eltern in dem Dorf im Odenwald erlebt haben, nachdem sie dort in Viehwagons nach der Vertreibung angekommen sind. 81 Jahre danach wissen wir ganz genau, welche Folgen der 2. Weltkrieg hatte. Welche Folgen jeder Krieg hat. Der im Sudan, der zwischen der Ukraine und Russland, die Kriege im Nahen Osten. Kein Krieg endet damit, dass die Waffen schweigen.
Dass Menschen friedlich und gewaltfrei miteinander umgehen, ist mir ein tiefes Bedürfnis. Ich kann gar nicht anders als mich dafür einzusetzen, wo ich gehe und stehe. Im Augenblick mache ich das fast täglich als Lehrerin in einer Grundschule. Deshalb weiß ich auch: Es ist anstrengend, friedlich miteinander zu leben. Wir brauchen jeden Tag Zeit, um Konflikte zu klären. Zu verstehen, wie sie entstehen. Manchmal dauert es mehrere Tage, bis einer um Entschuldigung bitten kann, weil er jemandem Unrecht getan hat. Und manchmal können wir nichts anderes erreichen, als dass sich die Streitenden in Ruhe lassen.
Im Alltag kommt mir das manchmal wenig vor. Aber ich weiß, wie viel schon das wert ist.
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