SWR4 Abendgedanken

06MAI2026
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Ich freue mich auf Pfingsten. Jedes Jahr aufs Neue. Denn da ist Maientag in Vaihingen an der Enz. Wie alle Vaihinger liebe ich dieses Fest. Ich bin in der Kleinstadt aufgewachsen. Nach dem Krieg sind wir als Familie dort gelandet und waren erst einmal vollkommen fremd. Wir kannten niemanden, egal wo wir hingekommen sind. Deshalb war die Kirchengemeinde St. Antonius in Vaihingen die erste Gemeinschaft, zu der wir Kontakt aufgenommen haben. Der Glaube an Jesus, die vertrauten Rituale im Gottesdienst, gemeinsame Gebete und unsere Mitchristen haben uns als Familie Halt gegeben. Ich habe schon als Kind gespürt, wie existentiell es ist, dazuzugehören. Mit anderen Menschen verbunden zu sein, sich füreinander zu interessieren, Freundschaften zu finden. Deshalb war auch der Maientag so wichtig.

Glücklicherweise gibt es im Ländle ja in vielen Dörfern und Städten solche Feste, bei denen alle zusammenkommen. In Ravensburg ist es zum Beispiel das Rutenfest. In Göppingen, Nürtingen und Vaihingen an der Enz ist das der Maientag. Ursprünglich waren das Schulfeste. Mich verbindet der Maientag noch immer mit den Vaihingern, obwohl ich schon über 40 Jahre nicht mehr dort lebe. Wenn es geht, bin ich jedes Jahr dabei. Besonders zu Herzen gegangen ist mir vor zwei Jahren ein Moment, als mir auf dem Marktplatz ein Schwarzes Mädchen über den Weg gelaufen ist. Sie hatte ein rotblaues Kleid an. Das sind die Stadtfarben von Vaihingen. Im Haar ein wunderschön gebundenes Kränzchen aus echten Blumen und weiße Lackschuhe an den Füßen. Sie strahlte übers ganze Gesicht. Für einen Moment war ich selbst wieder acht Jahre alt. Habe mich gesehen mit meinem rotblauen Kleid und dem Blumenkranz im Haar zum Maientag. Ich war glücklich damals. Beim traditionellen Umzug bin ich mit meiner Klasse mitgelaufen. Ich habe dazugehört. Zu dieser Schule. Zu dieser Stadt. Zur ökumenischen Gemeinde. Die ganze Stadt feiert an Pfingsten miteinander. Musik- und Sportvereine, Schulen, Stadtteilgemeinden, ausländische Vereine. Menschen, die sich kennen oder auch nicht, wünschen sich auf der Straße „an scheena Maiadag“.

Zum Abschluss des Maientags singen dann alle auf dem Vaihinger Markplatz am Pfingstmontag: „Nun danket alle Gott. Mit Herzen, Mund und Händen.“ Ein Gänsehautmoment für mich. Weil ich etwas davon spüren kann, wie wir Menschen verbunden sind. Ganz gleich, welche Hautfarbe wir haben, welche Sprache wir sprechen und wo wir geboren sind.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44337
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