Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Charlotte ist 19 Jahre alt. Im vergangenen Jahr hat sie ihr Abitur gemacht.
Vor Kurzem erzählt sie mir von der Diagnose, die sie gerade bekommen hat: Sie ist an Leukämie erkrankt. Als ich Charlotte frage, wie es ihr gerade geht, erzählt sie von schlimmen Sätzen, die sie sich von anderen anhören muss. Sätze, die sie belasten.
Ich bin erschüttert: über diese Krebsdiagnose in so jungen Jahren – und über die Kommentare und Ratschläge, die Charlotte sich noch dazu anhören muss – auch von Leuten, die es eigentlich gut mit ihr meinen. Sätze wie:
Das wird schon alles seinen Grund haben.
Vielleicht solltest du Rosenquarz neben dein Bett legen.
Das wird am Vitamin D-Mangel liegen – du musst öfter raus an die frische Luft.
Wahrscheinlich kommt es daher, dass du dir ein Tattoo hast stechen lassen.
Du betest nicht richtig, deshalb beten wir jetzt für dich.
Das sind alles Sätze von Menschen, die es sicherlich gut meinen. Aber für Charlotte sind es furchtbare Sätze. Denn sie belasten sie in einer schlimmen Situation nur noch zusätzlich.
Ich frage mich, wann ich selbst schon mal ohne viel nachzudenken einen solchen wohlgemeinten Satz rausgehauen habe, der alles nur verschlimmert hat. Und ich frage mich, welche Sätze denn wirklich hilfreich sind, wenn jemand krank ist. Jemand hat mal zu mir gesagt: „Ratschläge sind auch Schläge“. Besser also, keine Ratschläge zu erteilen. Ich denke daran, wie Jesus von einem Kranken gerufen wird. Jesus gibt ihm keinen gutgemeinten Rat. Sondern er fragt den Mann einfach: „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“[1] Und so frage ich Charlotte, was sie braucht. Hilfe beim Einkaufen wäre gut, sagt sie mir vor ein paar Wochen. Und inzwischen gibt es Menschen aus unserer Kirchengemeinde, die genau das machen: Sie kaufen für Charlotte ein. Sie fragen bei ihr nach: Was brauchst du vom Supermarkt? Und sie bringen die Einkäufe dann bei ihr vorbei. Davon wird Charlotte zwar nicht gesund, aber es hilft ihr in ihrer Krankheit. Viel besser als jeder gutgemeinte Rat
[1] Aus Vers 41, Kapitel 18, Evangelium nach Lukas, Neues Testament.
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