SWR4 Sonntagsgedanken
Singen macht glücklich, behauptet der Autor Stefan Moster in seinem Buch „Vom Glück, im Chor zu singen“. Das gilt nicht erst, seit es Männergesangvereine gibt. Am Sonntag Kantate beleuchtet der Predigttext die geistlichen Wurzeln des Singens. Sie liegen im Gebet, in der Anrufung Gottes, wie eine biblische Szene aus dem zweiten Buch der Chronik belegt.
Mit großem Vergnügen habe ich gerade das Buch „Vom Glück, im Chor zu singen“ gelesen. Als langjährige Chorsängerin kann ich dem Glück, das da auf 200 Seiten beschrieben wird, nur aus vollem Herzen zustimmen.
Außerdem gelingt es dem Autor Stefan Moster vieles, was sich rund ums Chorsingen abspielt, ganz lebensnah zu schildern. Zum Beispiel diese Szene vom runden Geburtstag seines Großvaters, mit der das Buch beginnt. Er schreibt: „Zu diesem Anlass hatten sich beide Chöre, denen mein Großvater angehörte, eingefunden, um ihm ein Ständchen zu bringen, der Männergesangverein Heiterkeit und der Männergesangverein Einigkeit. Die Männer setzten andächtige Mienen auf, dann gab mein Onkel mit beiden Händen den Einsatz, und die Stimmen, die eben noch in mundartlichem Tonfall geplaudert und gelacht hatten, schraubten sich zu etwas Kostbarem, Feierlichem in die Höhe. Wo das Alltägliche war, herrschte nunmehr das Erhabene, in dessen Dienst Menschen, die gerade noch über banale Dinge gesprochen hatten, ihre Stimmen stellten: „O wie schön ist deine Welt, Vater, wenn sie golden strahlet!“
Als Pfarrerin habe ich viele ähnliche Auftritte selbst miterlebt, wenn sich bei einem Jubilar oder einer Jubilarin ein Chor oder eine Handvoll Leute zu einem Geburtstagsständchen eingefunden hat. Und oft hat der Gesang das bewirkt, was all die mündlich oder schriftlich übermittelten Glückwünsche bis dahin nicht geschafft hatten: Ich sah dann Tränen in den Augenwinkeln glitzern, ein tiefes Bewegt-Sein, Rührung, eine Ergriffenheit von Herz und Seele. Oder noch einmal mit Stefan Moster: „Wo das Alltägliche war, herrschte nunmehr das Erhabene, in dessen Dienst Menschen, die gerade noch über banale Dinge gesprochen hatten, ihre Stimmen stellten.“
Ja, Singen kann Festtagen einen besonderen Glanz verleihen und allererst zu dem machen, was sie dann in der Erinnerung werden: unvergessliche Momente, eindrückliche Augenblicke. Und das gilt nicht nur für runde Geburtstage von Großvätern, sondern auch für große staatstragende Ereignisse. Kein Festakt ohne Musik!
So war das schon in biblischen Zeiten, zum Beispiel bei der Einweihung des neuen Tempels in Jerusalem, wie sie im heutigen Predigttext aus dem zweiten Buch der Chronik beschrieben wird. Da hat der König Salomo in seiner Hauptstadt einen Tempel bauen lassen, und nun ist er mit feierlichen Prozessionen eingeweiht worden. Der biblische Autor berichtet: „Alle Sänger waren in feines Leinen gekleidet.“ Wie in einem Konzertprogramm führt er die Solisten namentlich auf: „Asaf, Heman und Jedutun“, im Chor ihre Söhne und Ihre Brüder – quasi ein biblischer Männergesangverein. „Mit Zimbeln, Harfen und Leiern standen sie östlich vom Altar. Bei ihnen waren 120 Priester, die Trompeten bliesen.“ Sein Eindruck: „Die Trompeter und Sänger musizierten mit einer Stimme. Sie lobten und dankten dem Herrn. Sie vereinten Trompeten, Zimbeln und alle Instrumente zu einem Lobgesang für den Herrn: „Ja, er ist gut; für immer bleibt seine Güte bestehen!“
Ich stelle mir vor, dass die versammelte Festgemeinde im Vorhof des Tempels zu Jerusalem dasselbe empfunden haben muss, wie die Gäste im Garten des Großvaters von Stefan Moster: Wo bisher das Alltägliche regiert hat, herrschte nun das Erhabene. Ich glaube: Singen macht nicht nur glücklich; es bringt uns auch „näher, mein Gott, zu dir“.
Heute ist der Sonntag Kantate. Er fordert Menschen zum Singen auf. Kantete: Singt! Auch die, die immer von sich behaupten, sie könnten gar nicht singen. Nachweislich sind das aber noch nicht einmal zwei Prozent.
Dass Singen glücklich macht, ist vielfach erwiesen: Beim Singen schüttet das Gehirn ganz viele Glückshormone aus. Man fühlt sich nach ein paar Liedern einfach gut. Ich zum Beispiel bin nach jeder abendlichen Chorprobe so wach und voller Energie, dass ich Bäume ausreißen könnte. Das bewusste Atmen beim Singen sorgt für eine gute Durchblutung. Davon profitieren Herz und Hirn und alle anderen Organe. Wer singt, tut etwas für sein Wohlbefinden und stärkt sein Immunsystem.
Ich könnte es noch endlos fortsetzen, das Lob des Singens. Ein letzter Gedanke ist mir wichtig. Und auch den finde ich bei Stefan Moser in seinem Buch „Vom Glück im Chor zu singen“, wenn er schreibt: „Erstaunlich, wie schnell man beim Gebet landet, wenn man sich Gedanken über den Gebrauch der Stimme macht.“ Oder auch nicht erstaunlich, denke ich, denn wahrscheinlich ist das Gebet, das Gotteslob, die Anrufung Gottes, die Wurzel allen Gesangs. Und dieser göttliche Funke steckt noch in jedem Lied.
Noch einmal zurück in Großvaters Garten. Zum Männergesangverein und seinem Lied „O wie schön ist deine Welt, Vater, wenn sie golden strahlet“. Dazu schreib Stefan Moster: „Schuberts Lied war ein Gebet, das auch Weltlichen offenstand. Und als der Chor es sang, konnte man glauben, dass es aus dem Mund der ganzen Menschheit kam.“
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