SWR Kultur Wort zum Tag

02MAI2026
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Vor ein paar Wochen habe ich mit dem Chor, in dem ich singe, ein Probenwochenende im Schwarzwald verbracht. Wir hatten strahlenden Sonnenschein und eine unglaubliche Rundum-Aussicht. Aber der Blick nach unten ins Tal konnte das Wolkenmeer vor unseren Augen nicht durchdringen. Eine riesige Wattelandschaft, aus der nur ein einzelner Kirchturm herausgeschaut hat.

Natürlich wusste ich genau, was sich unter der Wolkendecke verbirgt. Dazu kenne ich die Landschaft gut genug. Aber nichts von der vertrauten Landschaft war zu sehen. Als wir dann wieder zurückgefahren sind, nach unten ins Tal, sind wir mitten in dem Dunst gelandet, der sich kurz zuvor noch als flauschiges Wattemeer gezeigt hat. Inversionswetterlage nennen die Meteorologen dieses Phänomen. Gewissermaßen eine Umkehr von unten und oben. Nicht wie meistens, wenn wir in der Stadt schönstes Wetter haben. Und sich ganz oben die Wolken wie ein Schirm über die Landschaft wölben. Aber manchmal dreht sich eben alles um. Oben ist es dann warm und sonnig. Unten ist es neblig und kühl. Wenn ich da mittendrin stecke, habe ich höchstens eine Ahnung von dem herrlichen Wetter, in das ich eintauchen kann, wenn ich mich in die nahegelegene Berglandschaft aufmache. Doch allein schon die Aussicht darauf, dass das möglich ist, beflügelt mich.

Die ersten Christinnen und Christen haben ihr Leben mit dieser Unterscheidung von Ansicht und Aussicht gedeutet. Sie haben eine Inversionswetterlage auch in ihrem Leben herbeigesehnt. Unten: Verfolgung, Ausgrenzung, Armut. Und natürlich: Die Sehnsucht danach, dass sich an dieser Situation oben etwas ändert. Diese Sehnsucht allein schon hat sie zuversichtlich gemacht. Hat ihnen innere Flügel verliehen, um den Niederungen ihres Lebens zu entkommen. „Es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden! Was noch ausstehen könnte in meinem Leben.“ Das schreibt ein Briefautor im Neuen Testament. Ich kann also zwei unterschiedliche Blicke auf mein Leben werfen. Den einen, der sieht, wie es gerade ist. Und den andern, der mir ein Bild vermittelt, wie ich mein Leben doch auch sehen könnte. Indem ich den Nebel hinter mir lasse. Und meinen Blick von oben auf mein Leben richte. Wie wir bei unserem Wochenende im Schwarzwald. Diese Inversionswetterlage ist in der Natur ein beeindruckendes Erlebnis. Im Leben ist sie ein großes Glück!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44330
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