SWR Kultur Wort zum Tag

01MAI2026
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An vielen Orten sind sie mir schon ins Auge gefallen: Große Gebäude mit imposanten Eingangsportalen, hohen Fenstern, manchmal sogar mit Spitzbögen und Maßwerk. Große, hohe Räume, die mich an eine Kirche erinnern. Früher wurden in diesen Räumen Zahnräder produziert. Oder Motoren zusammengesetzt. Heute sind Museen eingezogen. Oder sie werden als Konzerthallen genutzt.

Als Kathedralen der Arbeit werden solche Gebäude manchmal bezeichnet. Weil sie in ihrem Äußeren, in ihrer Architektur an Kirchengebäude erinnern. Entstanden um die vorletzte Jahrhundertwende. Oder auch ein paar Jahrzehnte später.

Die haben die Architektur einfach an den Kirchenbau angelehnt, heißt es. Das stimmt. Manchmal waren es sogar dieselben Architekten. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Mit dem Bau der Kathedralen der Arbeit ist auch eine Botschaft verbunden. Wer arbeitet, das wollten diese Gebäude sagen, tut etwas Erhabenes. Dient mit seinem Einsatz einem größeren Ganzen.

Am 1. Mai, dem Tag der Arbeit, lohnt es sich, über die Bedeutung von Arbeit nachzudenken. Arbeit ist in erster Linie Broterwerb. Manchmal geschieht sie unter ganz schön happigen Bedingungen. Schon auf der ersten Seite der Bibel ist das nachzulesen. „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen!“ So ist es Jahrtausendelang geblieben. Dass Arbeiten aber auch unter menschenwürdigen Bedingungen geschieht und zu einem fairen Lohn, daran will jeder 1. Mai erinnern.

Martin Luther hat in der Arbeit tatsächlich etwas von einem Gottesdienst gesehen. „Man muss nicht Pfarrer oder Mönch werden, um Gott zu dienen“, sagt er einmal in einer Predigt. Sondern „ich soll das tun, was mir vor die Füße gelegt wird.“ Deshalb darf Arbeit auch nicht dazu missbraucht werden, Menschen auszubeuten. Oder sie unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten zu lassen.

Ich muss meine rechte Arbeit finden. Und die dann auch tun dürfen. Kathedralen der Arbeit gibt es dann nicht nur in großen Industriegebieten. Jeder Ort, an dem ich mich engagiere, kann so zu einer Kathedrale oder zumindest zu einer Kapelle der Arbeit werden. Mein Büro, meine Küche, meine Werkstatt, mein Schreibtisch. Und plötzlich ist der 1. Mai gar nicht einfach nur ein weltlicher Feiertag. Es ist ein Tag der Würde aller Menschen, die arbeiten.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44329
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