SWR1 3vor8

26APR2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Für ein paar Euro kann man im Internet ein Bild erwerben, das manche wohl schlicht und einfach religiösen Kitsch nennen würden. Da steht Jesus mit fescher Föhnfrisur im milden Licht der untergehenden Sonne auf einer Weide. Um ihn herum eine Schafherde. Auf dem Arm trägt er ein Lämmchen. Es ist das klassische Bild von Jesus, dem „guten Hirten“. Eins der bekanntesten Motive aus der Bibel. Unzählige Künstler hat es im Lauf der Jahrhunderte zu Darstellungen inspiriert. Manche mehr, manche weniger gelungen. Ich gebe zu, dass ich schon öfter mit diesem biblischen Motiv gehadert habe. Weil ich mich einfach nicht mit einem unmündigen Schaf vergleichen will, das einem Hirten unreflektiert hinterhertrottet. Die Einladung, den Spuren Jesu in meinem Alltag zu folgen, habe ich so jedenfalls nie verstanden. Und dass kirchliche Würdenträger sich ja auch als Hirten und Oberhirten bezeichnen lassen, macht die Sache leider nicht besser.

Um Hirten und Schafe geht es heute Morgen auch in den katholischen Gottesdiensten. Von einem Schafstall ist da die Rede. Von der Tür, die in den Stall führt und durch die der Hirte kommt. Aber auch von zwielichtigen Gestalten, die nicht die Tür nehmen, sondern sich illegal Zutritt verschaffen, um den Schafen zu schaden. Manches an diesen Bildern ist heute nur noch schwer verständlich. (vgl. Joh 10,1-10)

Etwas aber hat mich an dieser Bibelstelle beeindruckt: Die Schafe. Die werden hier nämlich weder dumm noch einfältig dargestellt. Einem Fremden werden sie nicht folgen, weil sie die Stimme nicht kennen, heißt es da. Diese Schafe entscheiden also selbst, wem sie folgen und wem nicht. Spüren, wer es gut mit ihnen meint und wer nur egoistisch seine eigenen Interessen verfolgt. Die Schafe übernehmen Verantwortung für sich selbst. Keine dummen Geschöpfe, die bloß gehorsam einem Führer hinterhertrotten.

Am Ende sagt Jesus schließlich: Der Dieb kommt nur, um zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben. Darum geht es. Ums volle Leben. Für alle. Auch für die, die schwach, krank oder fremd sind. Wo Leben behindert, erniedrigt oder vernichtet wird, kann das nie im Sinne Jesu sein. Biblische Texte erklären keine gesellschaftlichen Entwicklungen. Sie können aber Denkanstöße geben. Können mich etwa kritisch fragen lassen, wem ich vertrauen kann. Wer es wirklich gut meint mit mir und anderen, und wer nur sein ideologisches Süppchen kocht. In der Politik und auch in der Kirche. Das Lebensbeispiel, das Jesus hinterlassen hat, kann der Maßstab sein. Eine Tür ins Leben.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44313
weiterlesen...