Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

01MAI2026
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Wir sind fünf Personen, meine drei Kinder, mein Mann und ich. Da geht einiges Brot weg. Deshalb hole ich alle paar Tage morgens Brot, nachdem ich die Kinder in den Kindergarten gebracht habe. Und jedes Mal, wenn ich die Bäckerei betrete, steht die Bäckers-Crew schon da: wach, freundlich, bereit. Während ich selbst noch halb im Morgen hänge.

Ich nehme das für selbstverständlich, aber dass die ziemlich früh aufstehen müssen, während andere sich gerade noch im Bett umdrehen, nur damit es dann so gut duften kann und ich unser Brot kaufen kann – daran denk ich eher nicht. Für mich fängt der Tag ja gerade erst an.

Heute ist der 1. Mai. Ein Feiertag. Unser Brot habe ich schon gestern besorgt. Der Morgen fühlt sich ruhig an, fast wie ein kleiner Sonntag.

Und gleichzeitig weiß ich: Für viele andere ist das heute kein freier Tag. Im Krankenhaus, in der Pflege, bei der Feuerwehr, an der Tankstelle. Und eben auch in der Bäckerei.

Der 1. Mai soll daran erinnern, dass Arbeit nichts Selbstverständliches ist. Dass Menschen dafür hart gekämpft haben, dass wir schützende Arbeitsrechte haben. Dass es Grenzen gibt, zum Beispiel den Achtstundentag. Dass es so etwas wie Pausen, Urlaub, Mindestlohn, eine Gewerkschaft gibt.

Arbeit nimmt einen sehr großen Teil in unserem Leben ein. Deshalb ist es mir wichtig, Menschen an ihren Arbeitsplätzen auch als Ganzes zu sehen. Als Chef, aber auch als Kunde. Die Würde eines Menschen hört nicht auf, nur weil er arbeitet. Jeder ist mehr als das, was er leistet.

Und genau das zeigt sich darin, wie ich mit anderen umgehe: ob ich ihre Arbeit wahrnehme, ob ich sie anerkenne. Nicht weil ihr Wert davon abhängt, sondern weil ich den Wert damit sichtbar mache.

Der 1. Mai wird als Tag der Arbeit begangen, vielerorts sogar mit großen Kundgebungen. Aber es fängt ja nicht erst mit großen Debatten an, sondern in so einem Moment wie in der Bäckerei. Nicht nur am 1. Mai.

Wenn ich nicht einfach weitergehe, sondern wahrnehme: Da ist ein Mensch, der schon lange wach ist, wenn ich erst ankomme. Der schon gearbeitet hat, während ich noch geschlafen habe, damit ich etwas habe.

Das verändert nicht die ganze Welt – ich weiß.. Aber es verändert meinen Blick. Und manchmal reichen da schon: ein freundliches Wort oder ein Lächeln.

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