SWR1 Anstöße sonn- und feiertags
Mitten in der Nacht passiert es: Reaktor 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl explodiert und es kommt zu einer Nuklearkatastrophe. Heute, vor genau 40 Jahren. Plötzlich ist nichts mehr selbstverständlich. Meine Eltern fragten sich damals: Dürfen die Kinder draußen spielen? Ist der Salat aus dem Garten noch essbar? Der Regen hat nämlich die radioaktiven Partikel, die der Wind her geweht hat, gebunden und auf Böden und Pflanzen verteilt. Eine Katastrophe von weit weg, ist plötzlich überall.
Tschernobyl ist nicht nur eine Explosion. Sondern ein Tag, an dem die Welt lernt: Der Mensch kann Dinge schaffen, die er schlichtweg nicht mehr im Griff hat. Und sie können sich auf jeden auswirken.
40 Jahre später frage ich mich: Haben wir die Lehren von Tschernobyl wirklich verstanden?
Damals ist es die Kernenergie, heute sind es andere Systeme, die ich selbstverständlich akzeptiere: Ich kaufe meine Bananen im Winter. Aber dafür erschöpfen langsam die Böden der Plantagen und verbrauchen so viel Grundwasser, dass Menschen dort nicht mehr Leben können und fliehen.
Anderes Beispiel: Ich nutze Künstliche Intelligenz so selbstverständlich, wie Strom aus der Steckdose. Und denke nicht darüber nach, woher die Energie dafür kommt oder wie sich das auf Arbeitsplätze auswirkt, geschweige denn, ob es bei KI noch Kontrolle gibt.
Ich sehe den Fortschritt und was plötzlich möglich ist, bin dabei. Bis plötzlich der Regen radioaktiv ist oder Ernten ausfallen und Menschen woanders Arbeit suchen. Oder ein Algorithmus entscheidet, wer eine Wohnung bekommt. Und erst dann macht sich bemerkbar: Wir haben wieder nicht hingeschaut, bis es zu spät war.
Ich wünsche mir, dass die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft aus Tschernobyl den Mut ziehen, anders zu handeln. Nicht erst, wenn die Katastrophe da ist, sondern vorher: „Was könnte passieren? Wem schadet das? Wer trägt die Folgen?“
Doch ich weiß: Wenn ich nur auf andere zeige, mache ich es mir zu einfach. Auch ich muss mir die Frage stellen: Wie lebe ich, wo ich doch weiß, dass alles Konsequenzen hat?
Die Bibel spricht davon, dass uns die Welt anvertraut ist. Gott legt uns vertrauensvoll die Welt in unsere Hände. Wie etwas ganz Wertvolles, was wir uns ausleihen und unversehrt weitergeben an unsere Kinder.
Ich habe die Angst von 1986 nicht selbst erlebt. Aber ich lebe in einer Welt, die damals gelernt hat, wie fragil sie ist. Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe dieses Jahrestags: Nicht zurückzublicken, sondern nach vorn zu handeln.
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