Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

28APR2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Frieden ist ein großes Wort. Und manchmal frage ich mich, ob es nicht zu groß ist für unsere Welt. Wenn ich in diesen Tagen Nachrichten höre, Schlagzeilen lese – dann spüre ich: Frieden ist fragil. Schnell zerbrechlich. Und oft erschreckend nah daran, verloren zu gehen.

„Wahat al-Salam / Neve Shalom“ – das heißt „Oase des Friedens“. So nennt sich ein kleiner Ort in Israel, mitten in den Hügeln zwischen Tel Aviv und Jerusalem. Gegründet 1972 – von jüdischen und arabischen Familien, die dort gleichberechtigt zusammenleben. Sie schicken ihre Kinder in eine gemeinsame Schule, sprechen Hebräisch und Arabisch, feiern ihre je eigenen Feiertage – und lernen voneinander.

Ich war selbst noch nicht dort. Aber ich habe ein Buch gelesen, das mich nicht mehr loslässt. Geschrieben haben es Evi Guggenheim und Eyas Shbeta – sie Jüdin aus der Schweiz, er Palästinenser aus Israel. Die beiden leben seit vielen Jahren in der Oase des Friedens, haben sich dort kennengelernt, geheiratet und unterrichten an der Friedensschule.

Im Buch beschreiben sie in abwechselnden Kapiteln ihre Geschichte, so dass ihre unterschiedlichen sozialen Prägungen gut erkennbar sind. Als Kinder der 50er Jahre erzählen sie auch, wie sie die politischen Ereignisse um Israel wahrnehmen: Die Erste Intifada und den Oslo-Friedensprozess. Natürlich mit Blick auf ihr erbautes Dorf, die Friedensoase. Nicht immer ist es dort friedlich, denn auch Konfliktfelder tauchen auf. Etwa, als der erste jüdische Junge zum Militärdienst einberufen wird und mit 21 Jahren als Soldat stirbt. Kann der geliebte Sohn des Friedens-Dorfes als israelischer Soldat sichtbar geehrt werden? Und wäre das dann ein Hohn für alle Palästinenser, die im Dorf leben?

Sie beschreiben vor allem, wie sie mit Konflikten umgehen, wo sie sich einig werden und wo sie sich uneinig aushalten. Vor allem, in dem sie versuchen zu verstehen, woher Ausgrenzung und Hass stammen. Das ist auch der Ansatz in ihrer Schule.

Gerade in diesen Tagen, in denen so viel von Gewalt die Rede ist und neue Spannungen entstehen, ist so ein kleiner Ort mehr denn je ein Zeichen. Für mich zeigt er: Frieden ist möglich und setzt dort an, wo sich Menschen aufeinander einlassen und sich aushalten, auch wenn’s schwer ist.

Ich glaube: Solche Orte brauchen wir auch bei uns. Oasen des Friedens. In der Schule. In der Nachbarschaft. Im eigenen Herzen.

Frieden ist ein großes Wort. Und die Sehnsucht danach ist der Anfang, ihn möglich zu machen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44306
weiterlesen...