SWR4 Sonntagsgedanken
… mit Christian Hartung, guten Morgen – und: frohe Ostern!
Keine Sorge, ich habe mich nicht im Datum geirrt. Und hier wird auch nicht aus Versehen eine Sendung vom Ostersonntag wiederholt. Aber: Ostern – das geht bis Himmelfahrt. So lange dauert die Osterzeit.
Und vielleicht ist heute, am 3. Sonntag nach Ostern, der Abstand gerade groß genug. Um sich zu fragen, ob Ostern noch nachwirkt – und ob sich mein Blick darauf verändert hat. Ob ich’s im Alltag spüre, immer noch staune. Ob ich die Freude noch so richtig genießen kann.
Es ist erst ein paar Wochen her, da haben vier Astronauten den Mond umrundet. Dabei haben sie sich weiter von der Erde entfernt, als jemals jemand vor ihnen. Ich weiß nicht, ob der Abstand ihnen geholfen hat, besser zu erfassen, was das eigentlich ist: Leben. Wie das funktioniert. Warum es das im ganzen weiten Universum ausgerechnet hier gibt. Auf so einem unwichtigen kleinen Planeten.
Der Abstand hat ihnen aber geholfen, darüber besser zu staunen. Und sich richtig darüber zu freuen. „Es ist eine besondere Sache, ein Mensch zu sein und auf dem Planeten Erde zu sein“, sagte der Astronaut Reid Wiseman. Auf seine Kollegin Christina Koch hat die Erde wie ein „Rettungsboot im Universum“ gewirkt. Und der deutsche Astronaut Alexander Gerst, der vielleicht in 2 Jahren den Mond betreten wird, sagt, dass man aus dem Weltall plötzlich die Dinge auf der Erde in einem ganz anderen Licht sieht: „Ich kann einfach im Wald joggen, und selbst der Nieselregen bei drei Grad im November macht plötzlich Spaß.“
Wir haben heute einen Abstand von drei Wochen zu Ostern. Der heutige Sonntag hat einen besonderen Namen: Jubilate. Das kommt von einem Psalm, einem alten Gebet aus der Bibel: „Jauchzet Gott, alle Lande!“ In der viele Jahrhunderte alten lateinischen Übersetzung heißt das: „Jubilate Deo omnis terra!“
Jubilate! Jubelt, jauchzet Gott! Das sollte die Stimmung heute sein.
Aber ist sie das noch? Oder ist sie bereits wieder überdeckt? Von traurigen Nachrichten aus der Familie vielleicht? Oder von den schlimmen Nachrichten aus aller Welt?
Wenn ich den 66. Psalm in der Bibel weiter lese, dann ist aber genau davon dort reichlich die Rede. „Du hast auf unseren Rücken eine Last gelegt“, heißt es da einmal. Und dennoch: „Jauchzet Gott, alle Lande! Kommt her und sehet an die Werke Gottes, der so wunderbar ist in seinem Tun an den Menschenkindern!“
In den Psalmgebeten wird oft erst alles Schreckliche aufgezählt. Und dann kommt der befreite Jubel. Weil Gott eingegriffen hat. Das ist wie Karfreitag und Ostern. Das Schreckliche wird durch den befreiten Jubel gesehen.
Das Schreckliche lähmt nicht mehr. Direkt danach, wenn das Schlimme gerade vorbei ist, dann sitzt es einem doch noch in den Gliedern. Die Ostergeschichten in der Bibel erzählen von Angst, Schrecken, Zweifel, Unglauben. Erst langsam macht sich da Freude breit. Das dauert.
Und natürlich weiß auch die Bibel, dass die Schrecken immer noch in der Welt sind. Angst, Gewalt, Leid und Tod: das ist alles noch da. Doch die Freude, der Jubel: die sind jetzt auch da. Nicht als Durchhalteparole. Ich muss nicht wegschauen von allem Übel, um mich so freuen zu können. Aber ich darf mich freuen, weil etwas gut geworden ist, mitten in all dem Schlechten.
Mich beeindruckt, wie schön Astronauten die Erde beschreiben, wenn sie aus dem Weltraum auf sie schauen. Aus diesem Abstand sehen sie, wie wunderbar unsere Erde ist. Aber auch, wie zerbrechlich und bedroht sie ist.
Und das ist eigentlich genau der Blick, den auch die Bibel auf die Erde und auf das Leben hat. Auf Gottes Schöpfung. Gott hat alles gemacht, alles gut geordnet. Eins fügt sich ins andere. Und Gott hat das alles in den Händen.
Diese Erfahrung bleibt, durch alle Schrecken und Schmerzen hindurch. Selten sind so heftige Klagen aufgeschrieben worden wie in der Bibel. Aber auch selten so ein Jubel.
Ich gehe durch diese zerbrechliche, bedrohte Welt. Drei Wochen nach Ostern bin ich wieder mittendrin. Ich atme – und manchmal stockt mir der Atem. Doch ich sehe das Schwere auch aus dem Abstand von Ostern her. Und verstehe diesen Jubel, diese Freude. Eigentlich ist das eine Vorfreude. Ich freue mich jetzt schon, weil ich fest darauf vertraue, dass das Leben stärker ist und weiter reicht als der Tod. Es braucht starke Nerven für so einen Jubel. Von selbst versteht der sich nicht. Aber von Ostern her versteht er sich. Darum juble ich heute. Mitten in all dem Unglück und Unheil dieser Welt vertraue ich auf Gott.
Einen gesegneten Sonntag Jubilate wünscht Ihnen Christian Hartung aus Kirchberg im Hunsrück von der evangelischen Kirche!
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