Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Heute, am 8. Mai denken wir daran, dass vor 81 Jahren der 2. Weltkrieg in Deutschland zu Ende ging. Meine Mutter ist ein Kriegskind. 1944 geboren hat sie ihren Vater nie gesehen. Eines erzählt sie immer wieder: Wie sie bis tief in die 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts immer wieder mit ihrer eigenen Mutter zum Bahnhof ging. Weil immer wieder Hoffnung aufgekeimt ist, wenn Züge aus dem Osten am Bahnhof ihrer Heimatstadt Esslingen ankamen. Züge voll mit Soldaten. Ausgemergelt und doch sehnsüchtig.
Leider ist ihr Vater, mein Großvater, nie dabei. Leider gehen die beiden, Mutter und Tochter immer wieder alleine nach Hause. Dort angekommen wartet Oma Clara am Fenster. Sie hat schon das Abendessen vorbereitet. Bescheiden, aber liebevoll. Mit ein bisschen Knackwurst von den Verwandten aus Thüringen, die immer wieder mal ein Paket schicken. Nach dem Abendessen liest die Oma der kleinen Margret vor. Auf dem Sofa. „Heidi2 von Johanna Spyri. Und als die Geschichte für diesen Abend zu Ende ist - Heidi liegt weinend auf dem Bett in Frankfurt, voller Angst vor Fräulein Rottenmeier - da bricht es auch aus der kleinen Margret heraus: „Oma, ich glaub, der Papa kommt nicht mehr. Nie mehr.“
Oma Clara sagt nicht viel. „Komm mal her, mein Liebes, komm mal her.“ Und sie nimmt sie in den Arm. Die kleine Margret mag den Geruch der Oma. Ein bisschen wie Lavendel. „Komm her, mein Kleines. Heute schläfst du bei mir.“ Und dann beginnt sie zu singen: „Weißt du, wie viel Sternlein stehen“ und „Breit aus die Flügel, beide, o Jesu meine Freude, und nimm dein Küchlein ein. Will Satan dich verschlingen, so lass die Englein singen, dies Kind soll unverletzet sein …“
Die kleine Margret ist so froh, dass sie die Oma hat. Ihre Oma. Und sie schläft ein. Im Bett der Oma, und es riecht nach Lavendel.
Mein Großvater kam nicht mehr aus dem Krieg. Nie mehr. Es war nicht leicht. Aber eines, das hat meine Mutter wohl bis heute nicht vergessen: die Abende und die Nächte im Bett der Oma. Sie hat bis heute nicht vergessen, was es bedeutet, getröstet zu werden. Und dass jemand da war. Einfach da.
