Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Wir müssen reden. Wenn meine Frau das zu mir sagt, dann ist es ernst. Kurz nach Ostern war es mal wieder soweit. Es ging ums Fensterputzen. In unserem wunderbaren schwäbischen Pfarrhaus gibt es genau 38 davon. Mit Sprossen, was die Reinigung nicht leichter macht. Mir sind saubere Fenster nicht so wichtig. Meiner Frau schon. Aber das Putzen ist ihr zu viel. Deshalb: Wir müssen reden.
Gut vorbereitet ist sie in unser Gespräch gekommen. Und hat mich überrascht. Mit dem Angebot eines Fensterreinigers. 150 € für 38 Fenster mit Sprossen. Ich habe ziemlich schnell zugestimmt. Zum einen, weil ich selbst keine Lust habe, mich mit Bockleiter und Fenstertuch an die Arbeit zu machen, vor allem aber, weil ich gespürt habe, wie wichtig ihr das ist.
Wir müssen reden. Nicht nur wenn’s ums Fensterputzen geht. Immer wieder höre ich, dass unsere Gesellschaft auseinanderzubrechen droht, weil sich viele nur noch in der eigenen Blase, dem eigenen Echoraum begegnen und die anderen gar nicht mehr wahrnehmen. Und das führt dann zur Sprachlosigkeit oder dazu, dass aufeinander eingeschlagen wird, verbal und leider auch real.
Was können wir dagegen tun? Ein kleines Beispiel, das zwar zugegebenermaßen unsere Gesellschaft nicht gleich rettet, mir aber doch Mut macht: Wenn Fußball-Champions-League übertragen wird, geh ich gerne in eine Kneipe bei uns am Ort. Es wird geraucht da. Und Spielautomaten gibt’s in Hülle und Fülle. Normalerweise nicht meins. Aber dort verbindet der Fußball über alle Grenzen hinweg. Und da liegt man sich, wenn in der 89. Minute der entscheidende Treffer fällt, in den Armen. So entsteht Beziehung. Mir gefällt das. Auch weil ab und zu nach dem Spiel noch ein Gespräch entsteht. Manchmal sogar kontrovers. Und weil dann, wenn ich meine Fußballkumpels mal zufällig beim Einkaufen treffe, auch wieder geredet wird. Über Gott und die Welt.
Ja, wir müssen reden. Und die Grenzen immer wieder mal überschreiten. Und keine Angst haben, vor denen, die anders sind. Ich glaube, Jesus würde wahrscheinlich heute auch in die Fußballkneipe gehen. Denn er hatte keine Angst vor den Menschen, vor allem nicht vor denen, die anders sind oder eine andere Meinung haben. Aber das Gespräch hat er immer wieder gesucht. Und zugehört.
Gestern übrigens war der Fensterputzer da. Zum Abschied zwinkerte er mir zu. „Ich komme gerne wieder. Sie wissen ja: Happy wife, happy life…“ Die 150 € habe ich gerne bezahlt.
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