Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

04MAI2026
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Es ist zehn Uhr. Ich sitze an einem traumhaften Tag im Sessellift in Lech am Arlberg.  Über mir stahlblauer Himmel, unter mir strahlend weißer Schnee. Und Sonne satt.  Schöner kann das Leben kaum sein. Dann Pling. Eine WhatsApp.

„Herr Brändle, henn Sie mih vergessa?“ Das schreibt, in leicht vorwurfsvollem Ton, unsere Putzfrau, die vor der verschlossenen Pfarrhaustür steht. Mist. Ja, ich hab sie tatsächlich vergessen. Jetzt kam sie umsonst. Sollte nicht passieren. Ist mir unangenehm. Sehr. Weil ja ganz offensichtlich ist, dass ich einen Fehler gemacht habe. Kurz trübt das meine Laune. Ich mag es nicht, wenn mir Fehler passieren.

Der amerikanische Schriftsteller Arthur Miller – seines Zeichens vierter Ehemann von Marylin Monroe - hat einmal gesagt: Ohne unsere Fehler sind wir Nullen. Hm, müsste es nicht umgekehrt lauten:  Wer Fehler macht, ist eine Null?

Für mich sind es drei Gründe, die für seine Einschätzung sprechen:
Zum Ersten: Fehler macht nur, wer sich traut, etwas zu tun. Wer etwas in die Hand nimmt, wer Entscheidungen trifft. Und es ist so wichtig, dass es Menschen gibt, die sich das trauen – trotz des Risikos, auch mal für einen Fehler gerade stehen zu müssen.
Ein Zweites: Auch wenn ich einen Fehler mache oder meine Schwächen ans Licht kommen, hat das seine zwei Seiten: Ein Beispiel: Es nervt mich, wenn jemand sich nicht entscheiden kann, einfach nicht klar Position bezieht. Aber so jemand ist meistens auch ziemlich einfühlsam. Ja, solche Menschen haben oft ein ausgeprägtes Mitgefühl. Schwächen als Stärken.
Und noch ein Drittes: Gerade, wenn ich Schwäche zeige, an Dingen scheitere, Fehler mache, werde ich für andere greifbar, bin ich Mensch und kein Übermensch. Es entsteht Nähe und Platz für andere Kräfte außer meinen eigenen.

Vor bald 2000 Jahren hat Paulus den Menschen in Korinth geschrieben: „Wenn ich schwach bin, bin ich stark.“ (2. Korinther 12, 10) Er meint damit: Wenn wir unsere Grenzen und Schwächen anerkennen, machen wir Platz für eine stärkere Kraft, die Kraft Gottes. Mit dieser Kraft in meinem Leben kann ich dann auch leichter Fehler zugeben und muss nicht so tun, als sei ich perfekt. Ach, übrigens: Als ich oben aus dem Sessellift ausgestiegen bin, hat es wieder Pling gemacht: „Macht nix, dann geh ich jetzt auf den Marktplatz und trinke einen Kaffee in der Sonne. Komm dann nächste Woche wieder.“

„Der Kaffee geht auf mich,“ schreibe ich zurück.

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