Begegnungen

Martina Steinbrecher trifft den Fußchirurgen Dr. Dirk Thümmler aus Bad Säckingen.
Der Arzt ist Spezialist einer noch jungen chirurgischen Disziplin, die sich ausschließlich mit dem Wohlergehen von Füßen befasst. Das oft stiefmütterlich behandelte Körperteil weckt in ihm große Begeisterung:
Ja, also der Fuß ist für mich ein Wunder der Evolution. Der besteht aus 26 Knochen, aus 33 Gelenken, aus mehr als 100 Bändern und aus 20 Sehnen. Und wenn nur einer dieser Bauteile nicht funktioniert oder einen Defekt hat oder nicht richtig angesprochen wird durch eine Nervenverletzung oder Nervendysfunktion, dann kann dieses ganze System kollabieren und man merkt es erst, wenn der Fuß nicht mehr funktioniert, wie wichtig der dann ist.
Tatsächlich habe ich seit dem Gespräch mit Dirk Thümmler meinen Füßen schon häufiger ein paar liebevolle Blicke und Gedanken zugeworfen - schließlich tragen sie mich seit vielen Jahren zuverlässig durchs Leben. Für den Fußchirurgen sind Füße aber noch viel mehr. Was den Mensch zum Menschen macht? Was ihn vom Tier unterscheidet? Für Dirk Thümmler ist die Antwort klar:
Aus der Evolution finde ich auch spannend, dass die Füße wohl das erste waren, was den heutigen Menschen auszeichnet, also das zweibeinige Gehen, dadurch sind die Hände frei geworden und dann erst ist das Gehirn gewachsen.
OK, denke ich mir, aber auch auf zwei Beinen sind wir anderen Lebewesen doch weit unterlegen. Aber da denke ich wohl zu kurz:
Was uns Menschen auszeichnet: Wir sind nirgends wirklich gut, aber wir können fast überall mitmachen. Also wir sind weder die Schnellsten, wir sind sehr ausdauernd, wir können weder gut auf Bäumen, aber wir können gut auf dem Boden, wir können einigermaßen schwimmen, wir sind sehr vielseitig, wir können bei Tag, bei Nacht, wir kommen in jedem Gelände zurecht und das haben wir unseren Füßen zu verdanken.
In seinem Arbeitsalltag in einer Schweizer Klinik behandelt Dirk Thümmler Patienten nach Sportunfällen, mit Verschleißerkrankungen oder mit Problemen als Folge von Ersterkrankungen wie Diabetes; das Spektrum ist groß. Richtig in die Öffentlichkeit gerückt ist seine Arbeit jetzt durch einen Preis, den er Anfang des Jahres bekommen hat: Der Hermann-Stratz-Preis für Zivilcourage würdigt die Arbeit, die Dirk Thümmler ehrenamtlich in Indien leistet. Auch dort operiert er Füße, aber die von Kindern aus ärmeren Familien - und setzt dafür jedes Jahr zwei von sechs Wochen seines Jahresurlaubs ein.
In der Regel gehen wir immer zu dritt los. Zwei Fußchirurgen, die sich wirklich anatomisch perfekt auskennen. Das ist wichtig, weil wir haben häufig keine Röntgengeräte, die uns helfen. Das macht es spannend und dafür ist es aber gut, dass es zwei gibt, die sich aufeinander verlassen können, weil wir tasten dann gegenseitig Fixpunkte am Fuß und dirigieren uns über die Finger, in welche Richtung wir die Schrauben bohren …
Dirk Thümmler ist ein Mann Mitte 50, verheiratet, vier Kinder, und ein renommierter Spezialist für Fuß-Chirurgie. Zusätzlich zu seiner regulären Arbeit in der Schweiz operiert er in Indien jedes Jahr ehrenamtlich vierzehn Tage lang Kinderfüße. Sein Einsatz ermöglicht dort nicht nur die Korrektur von Fehlstellungen, sondern die Begradigung kompletter Lebensläufe:
Wir hatten in Srinagar ein Mädchen, die hat eine Deformität an einem Unterschenkel gehabt. Bei der sind am Unterschenkel die Hälfte der Knochen nicht angelegt gewesen. Und wenn dieses Kind gestanden ist, dann stand die wie ein Storch, und dieses kurze Ding war in der Luft. Und wenn sie laufen wollte, dann musste sie ihr gesundes Bein um 90 Grad im Knie biegen, damit sie ebenerdig stand, und dann ist die gewackelt.
Dafür gab es von Gleichaltrigen vor allem Spott und Hänseleien. So schlimm, dass sie nicht mehr in den Kindergarten gehen wollte. In der Klinik hat sie einen Arzt-Kollegen von Dr. Thümmler getroffen, der selbst beinamputiert ist.
Der hat dann seine Jeanshose hochgehoben und dann hat die dieses Kunstbein gesehen und dann hat dieses fünfjährige Kind gesagt: Das will ich auch. Und sie hat sich amputieren lassen, und dieses Kind läuft heute schmerzfrei mit einer Prothese, ohne dass sie in der Schule gehänselt wird.
Dirk Thümmler und sein Team erhalten viel Unterstützung von einheimischen Fachkollegen und indischen Sponsoren. Besonders wichtig ist das für die Nachsorge bei den kleinen Patienten, wenn das Ärzteteam aus Europa das Land wieder verlassen hat. Das indische Gesundheitssystem sieht für alles eine finanzielle Eigenbeteiligung vor. Wer arm ist, muss für eine Operation lange sparen. Diese Ungerechtigkeit wird kaum infrage gestellt:
Wir sind zum Beispiel mal von einem Arzt beschimpft worden, wir würden denen die Patienten wegnehmen, und wir waren dann ganz entsetzt und haben geantwortet, wir nehmen doch nur die Ärmsten, die sich das nicht leisten können. Er sagte, ja, das stimmt nicht, die können 20 Jahre lang sparen und dann können wir die operieren. Dass ein Kind dann nicht in die Schule gehen kann, das ist denen vollkommen egal. Also das sind Gedankengänge, die sind uns nicht zugänglich, das kann man nicht verstehen.
Solange ein soziales Bewusstsein für die Armen und Schwachen fehlt, wird der Verein „Kinderfüße brauchen Hilfe“, der die Arbeit von Dirk Thümmler und seinen Kollegen trägt, weiterhin ärztliches Know-how und chirurgisches Material ins Land bringen.
Dort unten sind wirklich Kinder, die können einfach das eigene Haus nicht verlassen, weil man denen nicht hilft, und die könnten es, wenn man ihnen helfen würde. Das heißt, wir geben dort Kindern eine Chance, ins Leben hineinzugehen, sprichwörtlich, die die dann auch nutzen.
„Du stellst meine Füße auf weiten Raum“, geht mir der Satz aus einem biblischen Psalm nach unserem Gespräch durch den Kopf. Das Engagement von Dirk Thümmler hat mir dafür ganz neue Perspektiven eröffnet: Was es wirklich heißt, auf eigenen Füssen stehen zu können.
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