SWR Kultur Wort zum Tag
„Heute bin ich mit dem falschen Fuß aufgestanden“ – ein Satz, den man manchmal sich selbst sagen muss, und vielleicht auch anderen, wie zur Warnung: “Achtung, ich bin nicht gut drauf“. Wer schlecht geschlafen hat, wacht beschwert auf. Da möchte man gar nicht erst aufstehen. Vielleicht möchte man die schlaflosen Stunden erst nachholen oder die schlechten Träume abschütteln, die einen die Nacht über gequält haben. Manchmal ist es dann einfach schwer, in den Tag hineinzukommen und überhaupt ins Leben. Und es braucht Zeit und Geduld, mit sich selbst und mit anderen.
Natürlich können wir heutzutage ein paar Pillen einwerfen, um solche Beschwernisse zu beseitigen und in bessere Laune zu kommen. Aber wir können solch widrigen Gefühlen und Situationen auch nachspüren und ihre Botschaft zu entziffern versuchen. Und Träume kann man lesen. Zeiten der Schlaflosigkeit sind womöglich eine Einladung zum Innehalten, zum Hineinhören in die Stille und zum Gebet. In einem biblischen Psalm z.B. lese ich: „Ich denke an dich auf nächtlichem Lager und sinne über dich nach, wenn ich wache.“ (Ps 63). Hilfreich finde ich auch das mentale Murmeln des Vaterunsers oder eines anderen Mantra-Gebetes. Ja, man kann sich in den ersehnten Schlaf sogar hinein beten, und wacht gestärkter auf, als hätte man durchgeschlafen. Die Kraft des Glaubens bewährt sich ja nicht nur in guten Zeiten, sondern in Phasen von Frust und Widerstreit.
Schlecht geschlafen, schlecht geträumt, mit dem falschen Fuß aufgestanden - ich finde es tröstlich, mit solchen Erfahrungen nicht allein zu sein. Vor bald 300 Jahren hat z.B. der evangelische Mystiker Gerhard Tersteegen gedichtet und gebetet: „Nun schläfet man; und wer nicht schlafen kann, der bete mit mir an den großen Namen“. Er meint Jesus: „du schläfst, mein Wächter, nie, / dir will ich wachen. / Ich liebe dich und lasse ewiglich / dich mit mir machen ...“ Ein inniges Gottvertrauen spricht aus diesen Versen - ganz auf der Linie des Jesus-Gebetes „Vater unser“. Das nächtliche Wachen als Einladung zu Zwiegespräch und Kontemplation. Oder wie Gerhard Tersteegen es ausdrückt: „Herr, rede du allein / beim tiefsten Stillesein / zu mir im Dunkeln.“ (EG 480) So wünsche ich Ihnen und mir einen gesegneten Tag.
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