SWR Kultur Wort zum Tag
Ein Wunder ist heute Morgen in jedem Fall schon passiert: ich habe die Augen aufgeschlagen. Eigentlich der nackte Wahnsinn. Es gab ja keinerlei Garantie nach dem Abtauchen in den Schlaf gestern Abend. Es ist doch sehr erstaunlich, dass ich heute wieder hochkomme und jetzt da bin. Man kann kleine Kinder schon verstehen, dass sie nicht ins Bett wollen; und wenn dann doch, soll die Tür des Schlafzimmers ein bisschen offenbleiben. Dass ich diese unheimliche Phase heil durchgestanden habe und mir jetzt die Augen reiben kann – eigentlich ein Wunder.
Manche Menschen stellen sich den Wecker so, dass sie nicht gleich aus dem Bett springen und loshetzen müssen. Sie halten inne und spüren dem eigenen Augenaufschlag nach. Eine wunderbare Übung für Leib und Seele, eine kostbare Meditation für Körper und Geist. Man kann natürlich auch andere Körperregionen im Erwachen begrüßen. Jedenfalls kann man auch im Liegen gut beten und meditieren. Besonders intensiv empfinde ich das, wenn ich beim Beten mitspüre, dass ich so dereinst auch im Sarg liegen werde. Das Bett ist ja nicht nur zur Entspannung und zur Liebe da, es ist auch schon das Sterbebett und Vorausbild des Sarges, eine Liegekur der besonderen Art. Darf ich auch dann wieder die Augen aufschlagen und das Licht von Gottes Welt erblicken, ein letztes Mal und dann für immer? Voll österlicher Hoffnung sagt es der biblische Johannesbrief: „Wir heißen Kinder Gottes, und wir sind es, seine Töchter und Söhne. Aber was wir sind, ist noch nicht heraus. Wir werden ihn sehen, wie er ist.“ Und in Seinem Licht werden wir auch uns sehen, wie wir wirklich sind, und es wird alles gut sein und sehr schön (vgl. 1 Joh 3,2). Eigentlich ein schöner Spruch für jeden Morgen jetzt schon. Ein anderer stammt von dem großen Glaubensdenker Romano Guardini. Der hat das in ein kurzes Gebet verdichtet, das immer gut zu beten ist, besonders morgens und eigentlich immer:
„Immerfort empfange ich mich aus deiner Hand. So ist es und so soll es sein. Das ist meine Wahrheit und meine Freude. Immerfort blickt mein Auge dich an, und ich lebe aus Deinem Blick, Du mein Schöpfer und mein Heil. Lehre mich in der Stille Deiner Gegenwart, das Geheimnis zu verstehen, das ich bin, und dass ich bin durch Dich und vor Dir und für Dich ...“
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