SWR Kultur Wort zum Tag
Hast du gut geschlafen? Eine beliebte Frage am Morgen, in Ruhe beim Frühstück oder im schnellen Aufbruch noch. Kann ich mit Ja antworten, so klingt das, als wär‘s schon die halbe Miete für den Tag. Gut durchschlafen, ist eine Wohltat – oft so selbstverständlich, dass wir es erst zu schätzen wissen, wenn wir die erste schlaflose Nacht hinter uns haben. Ja, Schlaf ist eine höchst kostbare Erfindung. Allein, dass Körper und Geist auf Zeit ruhiggestellt werden und sich derart erholen können; wie viel Spannung kann da abfallen, wie viel neue Kräfte werden wachgerufen. Ja, wie neu geboren ist dann das Erwachen. Jochen Klepper hat recht mit seinem Gedicht: „Barmherzig ist der Schlaf, der tiefe, / als ob uns Gott zum Ursprung riefe / und wieder Adam zu uns riefe“, und natürlich auch Eva. Morgenstund hat Gold dann nicht nur im Mund, sie ist ein Stück Neuschöpfung wie ganz am Anfang, eine tolle Rückendeckung für den bevorstehenden Tag heute, keineswegs selbstverständlich, und also Grund mindestens für ein Dankeschön. Alle Religionen kennen das Morgenlob. Nicht nur dass das gefährliche Dunkel der Nacht bestanden wurde, nein es gibt diesen neuen Input an Energie. Warum denn sonst sagen wir bei größeren Entscheidungen: darüber muß ich nochmal schlafen? Das Morgengebet könnte genauso selbstverständlich sein wie das Zähne-Putzen.
Aber vergessen wir nicht: es gibt auch schlaflose und durchwachte Nächte. Da kann einen die totale Langeweile angähnen oder ein nagendes Problem. Man wünscht sich das erlösende Einschlafen, und es will sich einfach nicht einstellen. Stattdessen quälen einen Sorgen und immer wieder die Uhr. So wunderbar die stärkende und stillende Seite des Schlafes ist, irgendwie ist er auch unheimlich: wir kommen uns da irgendwie abhanden. Der Schlaf ist der kleine Bruder des Todes, sagt ein uralter Grundsatz, bei beiden werden wir uns genommen. Christen freilich bekennen: Wer tot ist, „schläft eigentlich nur“, denn er lebt aufgeweckt mit Gott. Sehr treffend ist deshalb auch die zweite Strophe in Kleppers Loblied auf den Schlaf und seinen Schöpfer: „Barmherzig ist der Schlaf, der schwere, / als ob uns Gott zum Ende kehre / und nur der Jüngste Morgen tagte.“ Mit dem täglichen Erwachen ist eben beides wieder da: das Wunder des neuen Tages und die befristete Zeit, mein sterbliches und geburtliches Leben, und immer der barmherzige Gott.
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