SWR Kultur Wort zum Tag

29APR2026
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Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen. Zusammen mit 17 anderen Leuten sitze ich in einem Meditationsraum auf einem Gebetsbänkchen, andere sitzen auf Stühlen oder Kissen im Kreis. Wir werden zu geistlichen Begleiterinnen und Begleitern ausgebildet. Das tägliche Schweigen morgens und abends bildet das Fundament.
In der Mitte ist eine Bibel aufgeschlagen. In einer Schale steht eine Kerze und beleuchtet den ansonsten dunklen Raum. Der Gong einer Klangschale ist erklungen und ab jetzt werden wir 30 Minuten lang schweigen.

Während der ersten Minuten im Schweigen kratzt meine Hals und ich unterdrücke mühsam ein Husten, um die anderen nicht zu stören. Unruhig rutsche ich auf meinem Gebetsbänkchen hin und her. Die Füße haben noch nicht die richtige Position gefunden und der rechte Oberschenkel zwackt auch noch. Einatmen ausatmen. Ich brauche noch ein paar Minuten, bis ich ruhiger werde. Erst dann kann ich mich wie vorgesehen auf meinen Atem konzentrieren. Ich lasse meine Gedanken los und mache in mir Platz für das Licht der Kerze und für die Stille.

Wer im Berufsalltag und auch sonst im Leben viel redet, plant, gestaltet, macht und tut, dem fällt das Ruhig werden so wie mir vermutlich erst einmal schwer. Aber ich habe im Laufe der Zeit gelernt, es zu genießen. Endlich einmal nichts tun müssen, nichts sagen müssen, nichts wissen müssen. Einfach nur sein. Dieser Zustand stellt sich ein, wenn ich mich ganz auf meinen Atem konzentrieren kann.

Am Ende der Schweigezeit klingt wieder der Gong. Ich verneige mich und bin dankbar für die geschenkte Zeit. Es ist eine stille Auszeit mit mir, mit der Gruppe und in manchen Momenten auch mit Gott. Ich fühle mich danach leichter und irgendwie erfrischt. Eine kurze Zeitspanne bin ich befreit von Gedankenspiralen, Sachzwängen und dem Versuch, endlich alle Punkte auf der Todo-Liste abzuarbeiten .

Solche Stilleübungen haben Mönche und Nonnen schon seit den Anfängen des Christentums praktiziert und jeden Tag neu geübt. Deshalb heißen diese Übungen Exerzitien. Der Begriff kommt vom lateinischen Wort „exercitium“ und bedeutet nichts anderes als üben, üben, üben. Jeden Tag aufs Neue. Denn tatsächlich gelingt das Schweigen auch nach langer Übung an keinem Tag wie am nächsten.
Und dennoch gibt es in fast allen religiösen Traditionen Schweigezeiten und Rituale, die in die Stille führen. Sie laden dazu ein, in sich zu hören, still zu werden und eine kleine Auszeit vom Alltag zu genießen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44263
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