SWR Kultur Wort zum Tag
Ein Student sitzt mir gegenüber an meinem runden Beratungstisch. Er packt gerade seinen Schreibblock in seinen Rucksack, greift nach seiner Jacke und ist schon fast im Gehen. Dann dreht er sich noch einmal um und fragt: „Ist es möglich, von Ihnen gesegnet zu werden?“ Gerade hat er mir von seiner Prüfungsangst erzählt. Er ist ein kluger und nachdenklicher junger Mann. Einer, der eigentlich viel weiß, aber all sein Wissen vergisst, wenn er in einer Prüfungssituation steckt. „Es ist wie ein dunkles Loch, in das ich falle“, hat er mir erklärt. „Mein Kopf fühlt sich dann ganz leer an und ich kann einfach nicht auf mein Wissen zugreifen.“
Schon als Schüler hat er Angst vor Klausuren gehabt . Wie sich das anfühlt und was er bisher dagegen versucht hat, davon hat er mir berichtet.
Dann haben wir gemeinsam geübt, wie er zukünftig solche Blackout-Momente durchbrechen könnte. Mit bewussten Atemübungen, mit genügend Essen und Trinken und dem Selbstbewusstsein, mitten in der Prüfung ein Fenster aufzumachen, wenn er sich komisch fühlt. Aber es geht ihm nicht nur darum, seine Ängste zu minimieren, sondern auch darum, diesem dunklen Loch etwas Positives entgegenzusetzen. Als Konfirmand hat er den Segen am Ende eines Gottesdienstes schätzen gelernt. Er hat sich in solchen Momenten gestärkt und sicher gefühlt.
Segnen heißt auf Latein „benedicere“, das bedeutet Gutes sagen, Gutes wünschen. Und wenn Gott in den biblischen Geschichten jemanden segnet, dann spricht Gott dem Gesegneten Wohlbefinden zu: dem Körper, dem Geist und der Seele. Und wenn Menschen heutzutage andere Menschen segnen, dann bitten sie darum, dass Gottes Segen wirken möge.
Und so segne ich den Studenten am Ende unserer Sitzung. Wir stehen beide und meine Hände berühren leicht seinen Kopf. Das kennt er von seiner Konfirmandenzeit und er hat es mir erlaubt. „Sei gesegnet und behütet auf all deinen Wegen!“, spreche ich ihm zu. Und mit einem Lächeln geht er seiner Wege. Einige Wochen später kommt er wieder in meine Sprechstunde. Eine mündliche Prüfung muss er wiederholen. Wieder hat ihn die Prüfungsangst blockiert. Aber bei den schriftlichen Klausuren haben ihm die Atemübungen, viel Wasser und ausreichend Essen geholfen, aus dem negativen Gefühlssog auszusteigen. Und er ist sich ganz sicher: Gottes Segen ist bei ihm und wirkt.
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