SWR Kultur Wort zum Tag

27APR2026
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Ich sitze auf einer Bank auf dem Spielplatz in meiner Nachbarschaft und esse Eis. Überall juchzen und kreischen Kinder. Große und kleine flitzen auf und ab und hin und her, andere spielen versonnen in der Sandkiste oder klettern auf den Kletterturm. Ein Mädchen übt auf einem kleinen grünen Rad Fahrradfahren. Sie kann es schon ganz gut, auch wenn das Fahrrad manchmal noch wackelt. Hin und her, vor und zurück dreht sie ihre Kreise. Und immer wieder versucht sie die Aufmerksamkeit ihrer Mama zu bekommen. „Mama schau mal!“, ruft sie unverdrossen. Aber die Mama schaut nur auf ihr Handy und blickt nicht auf. Bis die Kleine direkt vor der Mama stehen bleibt und ziemlich laut und erbost ruft: „Nun schau doch endlich mal! Ich muss dir was zeigen!“
Erst da schaut die Mama auf und sieht ihre Tochter an.

Gesehen werden ist bei kleinen Kindern genauso wichtig wie bei Erwachsenen. Auch ich möchte gesehen werden. Nicht von oben herab, nicht verächtlich oder bewertend, sondern aufmerksam und respektvoll. Wenn ich so angeschaut werde, dann schenkt mir das die Gewissheit, dass mich jemand wahrnimmt und ernst nimmt. Angesehen werden verleiht Ansehen.

So ist es auch Zachäus aus dem Neuen Testament gegangen. Er ist ein Außenseiter im Dorf, weil er als Zollbeamter mit der römischen Besatzungsmacht kollaboriert und öfter mal was in die eigene Tasche wirtschaftet.
Als es heißt, dass Jesus von Nazareth in sein Dorf kommt, klettert er auf einen Baum. Er will Jesus unbedingt sehen. Gleichzeitig will er nicht gesehen werden. Aber als Jesus ins Dorf kommt und unter dem Baum vorbeigeht, schaut er hoch und spricht Zachäus direkt an: „Zachäus, komm vom Baum herunter! Mit dir möchte ich später zusammen essen!“
Die anderen Leute sind empört, denn auch sie hätten Jesus gerne eingeladen und haben schon alles vorbereitet. Aber Jesus hat seine Wahl getroffen: Er schaut den Außenseiter an und spricht mit ihm. Der klettert in Windeseile vom Baum herunter, läuft nach Hause und bereitet ein Essen vor. Und Jesus kommt später tatsächlich zu ihm. Die Begegnung bedeutet Zachäus viel. Er fühlt sich gesehen. Und nachdem Jesus sich verabschiedet hat, ist er wie verwandelt. Er beschließt, seinen Besitz zu verkaufen und den Betrogenen das Vierfache an Geld zurückzuzahlen.

Auch die kleine Fahrradfahrerin ist stolz weitergefahren, nachdem die Mama ihre Fortschritte angeschaut und sie gelobt hat. Angesehen werden verleiht Ansehen, im Kleinen wie im Großen.

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