SWR Kultur Wort zum Tag

18APR2026
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Wenn es für mich eine herausragende Darstellung vom auferweckten Jesus gibt, dann ist es die von Jörg Ratgeb. Zu sehen auf dem Herrenberger Altar. Entstanden zwischen 1518 und 1521 für die Stiftskirche im württembergischen Herrenberg:

Da schwebt Christus vor dem Felsengrab.
Eine schmale, blasse Gestalt. Ein schwacher, geschundener Leib. Wie durchsichtig.
Nur noch Haut und Knochen. Deutlich erkennbar sind seine Wunden.
Bei Ratgeb ist der auferweckte Jesus alles andere als ein Kraftprotz oder strahlender Sieger. Heutige Symbole von Manneskraft sucht man vergeblich.
Die bewaffneten Soldaten, die sein Grab bewachen sollen, liegen am Boden.
Sie sind von Ratgeb als farbenfrohe Muskelpakete gemalt -  vor Kraft strotzend.

Der Altar, der mich so fasziniert, fand in Herrenberg keine positive Resonanz.
Rund 350 Jahre lang wurde Jörg Ratgebs Altar in der Kirche mit einem grünen Tuch verhüllt. Und 1891 wurde er dann für 5.000 Mark an die württembergische Staatssammlung verkauft.
So verschmäht war seine Kunst.
Und das hat auch mit der Lebensgeschichte des Malers zu tun.
Heute würde man sagen: Falsche Frau und falsche Partei.
Seine Frau war eine Leibeigene des württembergischen Herzogs Ulrich.
Und im Bauernkrieg wurde Jörg Ratgeb von den aufständischen Bauern zu einem ihrer Anführer gewählt.
Alles nicht gerade Karriere dienlich.
Nach der militärischen Niederlage der Bauern bei Böblingen wurde er verfolgt, gefangen genommen, verurteilt – und auf grausame Weise hingerichtet.
Das geschah in Pforzheim 1526 – vor genau 500 Jahren.

Jörg Ratgeb – ein Leidender und ein Märtyrer. Seine Nähe zu Leidenden ist intensiv und einzigartig auch auf seinem Osterbild zu spüren:
Die Auferstehung erscheint als ein stiller und leiser Triumph über die Mächte des Todes.

Und genau das ist mir von Ostern her ein Trost: »Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig!« Eben das hat Ratgeb ins Bild gesetzt. Gott hat den leidenden Christus zu neuem Leben erweckt. Seine Wunden sind über-wunden. Aber sie sind nicht weggewischt, nicht ungeschehen gemacht.
Richard Mössinger hat in einem Buch Ratgebs Werk unlängst so überschrieben:
Er sei der „Maler des Mitleids“ „weil er von der österlichen Hoffnung zehrt, muss er dem Leiden nicht ausweichen...“ *
Ratgebs Altar ist in der Stuttgarter Staatsgalerie zu sehen. Ein Besuch in der Osterzeit lohnt sich ganz besonders.

* Richard Mösinger, Jörg Ratgeb, Maler des Mitleids, Tübingen 2025, S.82

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44260
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