SWR1 3vor8

19APR2026
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Das Ehebett meiner Großeltern war ein beeindruckendes Möbelstück und hat fast das gesamte Schlafzimmer eingenommen. Tagsüber thronten dort wie riesige Wolkengebirge die aufgebauschten Federbetten und auf den Kopfkissen zusätzliche Paradekissen. In den frühen Morgenstunden aber zerfiel diese ganze Pracht. Dann kamen mein Bruder und ich, wenn wir bei den Großeltern übernachtet haben, ins Bett geklettert und haben mithilfe der Schrankuhr gegenüber, wie schon meine Mutter und ihre Geschwister in der Generation davor, die Uhr lesen gelernt: Sieben Uhr, Viertel achte, halber achte, dreiviertel Achte, drei vor acht, neune; in süddeutscher Zählung.

Über dem Bett der Großeltern hing ein Bild. Das war nicht wie die Uhr Gegenstand lebensdienlicher Lektionen und hat mir doch mindestens genau so viel beigebracht. Darauf Wolken wie Federbettengebirge, in der Bildmitte ein weißes Kirchlein umgeben von Bäumen; im Vordergrund ein kleiner See. Rechts unten steht ein Mann am Ufer, den Kopf geneigt, wie in Andacht versunken, zu seinen Füssen ein Hund, und um ihn herum eine Schafherde mit frisch geborenen Lämmern. Eine Idylle mit haarscharfer Absturzkante ins Kitschige. Lange bevor ich wusste, dass es sich bei diesem Bild um eine gängige volkstümliche Darstellung des guten Hirten handelt und lange bevor ich wusste, dass der auferstandene Christus nach Ostern in die Rolle dieses guten Hirten schlüpft, hat mir dieses Bild eine Geborgenheit vermittelt, wie es sie vielleicht nur als Kind in Großelternbettenlandschaften gibt.

Heute heißt es im sonntäglichen Predigttext aus dem ersten Petrusbrief: „Ihr wart wie Schafe, die sich verirrt hatten. Jetzt seid ihr zurückgekehrt zu eurem Hirten, der euch beschützt.“  Es mag als Erwachsene kein Weg zurückführen in die Kuschelwelten der Kinderzeit. Aber der Kraft dieses Bildes traue ich immer noch. Ich glaube, dass einer mein Leben beschützt und es gut mit mir meint. Dass einer mich auf grüne Auen führt und zum frischen Wasser. Dass einer meine Seele erquickt. Und wenn es durch dunkle Täler geht, muss ich kein Unglück fürchten, denn er ist bei mir. Sein Stecken und Stab trösten mich. Zur Kraft des Bildes ist die Kraft der Worte getreten, wie hier aus dem 23. Psalm.

Die Schrankuhr meiner Großeltern steht heute bei meinem Bruder im Regal. Und das Bild von Christus, dem guten Hirten, hängt jetzt über meinem Bett. Und beide wissen wir: Unsere Zeit steht in Gottes Händen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44236
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