Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

18APR2026
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Wieder mal was gelernt – und zwar als ich im Café einen Tee bestellt habe. Die Bedienung stellt ein kleines Tablett auf den Tisch: heißes Wasser, Teebeutel, Zucker und eine Sanduhr. Aha, hier geht´s nobel zu. Man kann mit der Sanduhr die Teestärke selbst dosieren. Erst auf den zweiten Blick bemerke ich, dass die Sanduhr ganz speziell ist. Sie läuft nicht von oben nach unten, sondern von unten nach oben  – wie wenn die Schwerkraft ausgehebelt wäre. Die beiden Kolben der Sanduhr sind mit einer Flüssigkeit gefüllt. Im unteren sind zusätzlich winzige Plastik-Kügelchen, die an die Oberfläche blubbern, weil sie leichter als die Flüssigkeit sind und nach oben schwimmen.

Ich bin fasziniert von der Technik. Aber auch von der Idee, dass Zeit mal anders vergehen kann als normal. Nicht von oben nach unten – sondern eben andersrum. Urlaub ist für mich so eine Zeit. Und deshalb macht es mir nichts aus, wenn ich im Urlaub auf manche Annehmlichkeiten verzichten muss: zum Beispiel ohne Laptop, ohne meinen Lieblingssessel oder ohne Spül- und Waschmaschine auskommen zu müssen. Dafür habe ich Lust und Zeit für andere Dinge: vielleicht draußen schlafen, oder mal wieder auf eine Schaukel sitzen, seelenruhig alle Geschwindigkeitsbegrenzungen einhalten, Enten füttern, einen Regentag nur vor dem Fernseher verbringen oder im Bett. Mal wieder in einem Tante Emma Laden einkaufen oder neue Eissorten durchprobieren. Für mich macht das den Urlaub zu einer anderen Zeit, zu einer „Anderszeit“.

Anders zu sein als sonst – das hat meistens eine starke Wirkung. Es kann Grenzen verschieben und neue Horizonte eröffnen. Oder es kann zeigen, dass das Übliche, das Alltägliche doch nicht so schlecht ist, wie ich immer wieder mal vermute. Anders sein kann aber auch richtig erfrischen, es kann die Seele neu beleben, es kann mich ein bisschen verändern, manchmal sogar über den Urlaub hinaus. Schade, dass das Anders-sein oft nur für den Urlaub reserviert ist.

Udo Lindenberg hat in einem seiner Songs die wichtigste Textzeile dem österreichisch-ungarischen Autor Ödön von Horvath geklaut. Egal von wem, die Zeile trifft den Nagel auf den Kopf. Sie heißt: „Eigentlich bin ich ganz anders, ich komm nur viel zu selten dazu.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44234
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