Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Ich kenne ein altes Ehepaar, das sich wunderbar ergänzt. Die Nachbarn sagen: „Sie der Kopf, er der Fuß.“ Wolfgang ist noch körperlich fit. Er macht lange Spaziergänge und arbeitet gerne in seiner Schreinerwerkstatt, die er sich im Keller eingerichtet hat. Leider ist er aber sehr vergesslich und manchmal schon etwas verwirrt. Bei Theresa ist es genau andersrum. Sie ist geistig noch voll da. Füllt Kreuzworträtsel und Sudokus aus, und sie diskutiert gerne mit ihrer Nachbarin über alles Mögliche, was sie in Zeitschriften liest. Aber sie kann sich nur noch mit ihrem Rollstuhl fortbewegen. Und das schränkt sie wahnsinnig ein.
Aber zusammen sind die beiden ein eingespieltes Team. Theresa macht die Kopfarbeit: sie organisiert die Einkaufsliste, ruft Behörden an, lädt Freunde ein, und sie denkt an alle wichtigen Geburtstage. Wolfgang erledigt die Fußarbeit: er geht mit Theresas Liste einkaufen, er deckt den Tisch und holt ihr Sachen aus dem Keller rauf. Und deshalb sagen die Nachbarn immer: „Die Theresa ist der Kopf, und der Wolfgang der Fuß.“
Ich weiß nicht, ob´s die Nachbarn wissen. Aber der Vergleich mit Kopf und Fuß ist ein uraltes Bild aus der Bibel. Der Apostel Paulus hat es benutzt. Er hat seine frisch gegründete Gemeinde in Korinth in einem Brief dazu ermahnt, dass sie eine Einheit bleiben, dass sie zusammenhalten sollen. Dort waren nämlich Streitigkeiten ausgebrochen. Die einen hatten das Geld, die anderen hatten das Sagen. Die einen stammten aus Israel, die anderen aus Griechenland. Und jeder meinte, was Besseres zu sein. Paulus verwendet einen Vergleich. Er schreibt: „Der menschliche Leib besteht aus vielen Gliedern. Der Kopf kann nicht zu den Füßen sagen: Ich brauche euch nicht. Im Gegenteil, gerade die schwächeren Glieder des Leibes sind unentbehrlich. Gott hat den Leib so zusammengefügt, dass alle Glieder füreinander sorgen.“
Ich muss immer wieder staunen, wie anschaulich Paulus schreibt. Klar, jeder soll das einbringen, was er gut kann. Und das in aller Bescheidenheit, ohne sich selbst zu wichtig zu nehmen. Denn bei ganz vielen Dingen ist man wieder auf andere angewiesen.
Paulus hat seinen Vergleich für die christliche Urgemeinde in Korinth geschrieben. Aber ich finde, dieses Prinzip lässt sich genauso gut anwenden auf Schulklassen, Nachbarschaften, oder ganze Staatengemeinschaften: Die Stärken einbringen, und die Schwächen gemeinsam meistern. Und das Prinzip funktioniert natürlich auch im ganz Kleinen. So wie bei Theresa und Wolfgang: Sie der Kopf, er der Fuß.
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