Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Schnecken – die einen mögen sie gar nicht, weil sie ihnen den Salat wegfressen. Die anderen lieben sie wegen ihres kunstvollen Schneckenhauses, oder wegen der Langsamkeit, für die sie stehen.
Gleich drei Gütesiegel haben eine gezeichnete Schnecke in ihrem Logo, weil Schnecken für Langsamkeit, Achtsamkeit und Nachhaltigkeit stehen: „Slow Brewing“ zum Beispiel – also „Langsames Brauen“. Das ist ein Gütesiegel dafür, dass das Bier besonders schonend und ohne die übliche Hektik reifen kann. Oder die „Slow Food“-Bewegung, die überzeugt ist: Nur wer langsam isst kann auch genießen. Das Siegel „Citta Slow“ steht für Lebensqualität in Städten, dadurch dass verkehrsberuhigte Zonen und Orte der Stille geschaffen werden, und auf einen nachhaltigen Tourismus geachtet wird.
Schnecken sind das Symbol für Langsamkeit, und wie gerne hätte ich manchmal ein bisschen davon. Fahrrad statt Auto, Feuer statt Heißluftfritteuse, Briefe statt E-Mail. Und dann merke ich auch, dass die Zeit sich einfach nicht zurückdrehen lässt. Aber für ein bisschen Langsamkeit kann man schon sorgen.
Der Freiburger Biologe und Arzt Joachim Bauer ist davon überzeugt, dass man gesünder lebt, wenn man Dinge ruhig angeht. Man sollte nicht sofort nachgeben, wenn sich etwas in den Vordergrund drängt. Zum Beispiel das Handy, das vibriert, das Schnäppchen, das mitgenommen werden möchte oder eine pampige Antwort im Wortgefecht. Wenn man diesen Impulsen schnell nachgibt, spricht er von einem „hedonischen“ Lebensstil. Joachim Bauer weist auf etliche wissenschaftliche Studien hin, die belegen, dass dieser hedonische Lebensstil Herzerkrankungen, Krebs und Demenzleiden begünstigt. Er sagt: „Es ist besser zu bremsen, innezuhalten, abzuwägen und zu überlegen, was im Moment gut ist.“
Eine gute Möglichkeit, das einzuüben, ist es, achtsam zu sein. Es tut gut, sich ab und zu dem jetzigen Moment zu stellen. Seinen Atem spüren, der automatisch kommt und geht. Mit allen Sinnen die Umwelt wahrnehmen. Offen dafür werden, wie schön viele Dinge sind und dafür, dass manche Menschen einfach anders ticken. Sich mit anderen mitfreuen. Die eigene Geschichte und Herkunft kennenlernen. Mal gar nichts tun und einfach nur „sein“.
Hektische Zeiten gibt es in meinem Leben genug. Aber vielleicht gelingt es mir ab und zu, mir ein bisschen was von der Schnecke abzugucken. Mich in Langsamkeit üben und bewusst wahrnehmen, was um mich herum passiert – und natürlich auch in mir selbst.
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