SWR3 Gedanken
Mehrmals im Jahr feiere ich Gottesdienste in Kneipen. Freitags abends. In ganz gewöhnlichen, nicht besonders hippen Dorfkneipen. Bei Bier, Schnitzel und guter Musik erzähle ich dort den Menschen von Gott. Die meisten von ihnen kommen sonntags nicht in die Kirche.
Als ich mit den Kneipengottesdiensten angefangen habe, da haben viele aus meiner Gemeinde gehofft: „Vielleicht kommen die aus der Kneipe danach auch in unsere Kirche.“
Ist nicht passiert. Stattdessen ist etwas anderes entstanden: eine echte Kneipengemeinde.
Da gibt es Leute, die sehe ich nur ein- oder zweimal im Jahr und trotzdem werde ich von ihnen begrüßt, als wäre ich eine alte Freundin.
Beim ersten Mal sind viele aus Neugierde gekommen. „Ein Gottesdienst in der Kneipe? Was soll das denn sein?“
Heute werde ich darauf angesprochen, weil viele darauf warten: „Wann ist endlich der nächste Kneipengottesdienst? Feiern wir auch Abendmahl? Kommen Sie doch auch mal in unsere Dorfkneipe!“
Kneipen sind für viele ein zweites Zuhause. Hier gibt es keine Kleiderordnung oder Altersgrenze. Am Tresen ist jeder willkommen. Anders als an so mancher Kirchentür gibt es hier keine Hemmschwelle.
Natürlich ist es rauer und lauter als in der Kirche. Da wird gelacht, gestritten, manchmal wird Blödsinn erzählt oder ein Spruch fällt, der wehtut. Diskriminierung kommt auch vor. Kneipen sind Orte, an dem Menschen echt sind, mit all ihren Ecken und Kanten.
Genau so sieht meine Traumkirche aus: Ein Treffpunkt wie beim Stammtisch: rau, laut, lebendig, voller Geschichten und Diskussionen. Gute Musik, ehrliche Gespräche, Menschen, die einander sehen und zuhören, auch wenn sie sich manchmal in die Haare kriegen.
Und am Tresen merke ich immer wieder: Kirche ist kein Gebäude, sondern ein bisschen Mut, ein bisschen Chaos und jede Menge echtes Leben.
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