SWR3 Gedanken
Mir ist neulich etwas in meiner Beziehung zu Gott aufgefallen. Gott ghostet. Gott ghostet mich. Ständig. Und nicht nur mich. Gott ghostet so ziemlich alle Menschen. Eigentlich ist das ja richtig verletzend, von jemandem keine Antwort zu bekommen…
Bei Gott ist das normal. Ich spreche mein Gebet – keine Antwort. Ich versuche es nochmal: leidenschaftlicher, inbrünstiger, lauter! Keine Antwort. Ich habe noch nie eine direkte Antwort bekommen. Ein klares Zeichen, ein Wunder oder seine Stimme aus dem Himmel. In der Bibel gibt es viele Geschichten darüber, wie Gott mit Menschen geredet hat. Im Traum z.B. oder sogar persönlich. Mich ignoriert er. Zumindest fühlt sich das die meiste Zeit so an. Ich finde das ist eine echte Zumutung.
Die göttliche Funkstille ist manchmal schwer auszuhalten. Und ich weiß, das geht vielen Menschen so. Denn diese Stille ist furchtbar laut. Laut, nicht weil ich Gott höre! Nein, ich höre mich selbst! In meinem Kopf - all die vielen unbeantworteten Fragen. Die Warums, die Wozus, die riesigen Fragezeichen! Sie drehen sich wie ein nicht enden wollendes Gedanken- Karussell.
Eigentlich weiß ich ja, dass Gottes Ghosting auch was für sich hat. Wenn ich meine Fragen zulasse. Wenn ich mir selbst endlich richtig zuhöre. Dann ist da Raum für meine Wünsche und Sehnsüchte und für meine ehrlichsten Träume.
Ich glaube, Menschen, die stundenlang beten oder meditieren, die stellen sich Gottes Ghosting. Die halten aus, dass Gott ihre Fragen nicht beantwortet und hören tief in sich selbst hinein.
Das muss ich noch lernen: Dass Gottes Schweigen mich in Bewegung bringen kann. Dorthin, wo ich nicht mehr auf die eine große Antwort warte mit den zwei blauen Häkchen, die alles erklärt.
Gottes Ghosting hilft mir. Ich kann selbst entscheiden, selbst darauf hören, was mir wahr erscheint und dann selbst losgehen und machen. Und das eröffnet mir unendlich viele Möglichkeiten!
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